Rezension zu „Völkischer Antikapitalismus“ von Barthel und Jung

[erschienen in Streifzüge 62/2014]

Gegen den Kapitalismus haben ja fast alle was. Gerade heutzutage, nachdem das Ende der neoliberalen Boomphase der Finanzmärkte auch in den europäischen Zentren wieder deutlich geworden ist, dass zur allseitigen Konkurrenz auch Verlierer*innen gehören. Um so mehr stellt sich die Frage, wer da eigentlich was kritisiert. Was ist gemeint, wenn da von ,Kapitalismus‘ die Rede ist – und was ist die politische Perspektive, die aus daraus erfolgt? Benjamin Jung und Michael Barthel haben nun eine informative Einführungsschrift in eine ganz spezielle Spielart der Kapitalismuskritik vorgelegt. Sie trägt den Titel „Völkischer Antikapitalismus“ und verspricht eine „Einführung in die Kapitalismuskritik von rechts“. Das ist in diesem Fall keineswegs affirmativ gemeint. Barthel und Jung zeichnen die Entstehungsgeschichte rechter Kapitalismuskritik nach, verweisen auf die Unterschiede zur Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie und stellen auch aktuelle Positionen aus der zeitgenössischen rechten Szene, vor allem in Deutschland, vor.
Lesenswert ist hier vor allem der historische Teil, weil dort immer wieder die (theoretischen wie strategischen) Berührungspunkte, aber auch Differenzen zwischen Positionen der Arbeiter*innen-Bewegung und den Nationalsozialist*innen deutlich werden. Den theoretischen Background des Buches liefert dabei eine an Moishe Postone angelehnte Kapitalismuskritik. Denjenigen, die einen schnellen, aber doch erhellenden Blick die Systematik des völkischen Antikapitalismus werfen wollen, sei die Schrift daher empfohlen.

Michael Barthel & Benjamin Jung: Völkischer Antikapitalismus. Eine Einführung in die Kapitalismuskritik von rechts. Münster : Unrast Verlag 2014

Streifzüge im Postfordismus

Anmerkungen zu immaterieller Arbeit und General Intellect

 [erschienen in: krisis . Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft 33/2010. Bislang nicht online verfügbar.]

Dieser Tage studiere ich wieder, was von und über Negri geschrieben wird. Es ist höchste Zeit, meine ich, sich mit dem Unfug zu befassen, den er und seine Anhänger erfolgreich betreiben. Ich meine vor allem ihr Lob der „Selbstverwertung“ und der „Selbstunternehmer“ und ihre verschwommene Werttheorie.
(André Gorz: Über den Horizont unserer Handlungen. Aus nachgelassenen Briefen)

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Der einen oder dem anderen wird es aufgefallen sein: seit dem Ende des Fordismus hat der Kapitalismus sich in erheblichem Maße verändert. Der Krisenprozess, in den er je nach Einschätzung Ende der 60er oder Anfang der 70er Jahre geriet, war derart umfassend, dass auf allen gesellschaftlichen Ebenen davon etwas zu bemerken war: Die Arbeitslosigkeit ist in einem in den 70er Jahren kaum vorstellbaren Maß gestiegen (Revelli 1999, 14ff.), gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum rapide zurückgegangen (Revelli 1999, 44).

Den Hintergrund dieser Krisenphänomene bildet der den Kapitalismus auszeichnende Widerspruch zwischen der betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit einer möglichst umfassenden Einsparung von Arbeitskraft und der Notwendigkeit einer stetigen Ausdehnung der gesamtgesellschaftlichen Vernutzung von Arbeitskräften. Dieser Widerspruch hatte in den 70er Jahren ein Niveau erreicht, das es nicht länger ermöglichte, die durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Arbeitskräfte durch eine Erweiterung der Produktpalette zu ersetzen. Im Gegensatz zu den bisherigen Revolutionen der kapitalistischen Industrialisierung (Dampfmaschine, Eletronik) konnte die sich im Anschluss an die Krise etablierende Mikroelektronik ebenso wie die Robotik keine zusätzlichen Arbeitskräfte mehr in den kapitalistischen Gesamtprozess integrieren. Warum? Weil durch sie mehr Arbeitskraft wegrationalisiert wurde, als in den neuen Produktsegmenten entstand.1

Neben diesen volkswirtschaftlichen Trends gab es einen umfangreichen Wandel der Produktionsbedingungen. Die standardisierte fordistische Massenproduktion wurde zugunsten einer flexibleren Variante immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Denn für die Unternehmen stellte sich der kapitalistische Krisenprozess vor allem als Nachfrageeinbruch dar. Während der Fordismus noch über einen scheinbar unendlich wachsenden Absatzmarkt verfügte, der eine stetig wachsende Menge an Gebrauchswerten zu absorbieren in der Lage war, war mit dieser vergleichsweise komfortablen Situation Mitte der 70er Schluss. Dies lässt sich am Namensgeber des Fordismus, Henry Ford, sehr gut plastisch machen. Als Ford 1908 sein mittlerweile berühmtes Modell T auf den Markt brachte, kam in den USA auf 509 Einwohner ein Auto. Durch die Entwicklung von Massenkaufkraft in den auf Massenproduktion ausgelegten neuentstandenen Fabriken und die sinkenden Preise dieser Massengüter durch Revolutionierung der Produktionsbedingungen entstand so ein riesiger, nahezu unberührter Markt von damals 80 Millionen KonsumentInnen, den es zu befriedigen galt. Entsprechend ging es bergan. Seit Ende der 40er Jahre wuchs die Weltwirtschaft um etwa 5 % jährlich. Mitte der 70er Jahre sank die Wachstumsrate dann stark ab und betrug im Durchschnitt nur noch 2,7 %. Auch die 80er können lediglich mit einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von 3,3 % dienen und die frühen 90er brachten nur knapp über ein Prozent Wachstum (Revelli 1999, 43f.).2

Es wurden Veränderungen im Produktionsablauf notwendig, wollte man „in einer Epoche langsamen Wachstums überleben“, wie es der Vater des „Toyotismus“, Taiichi Ohno, formulierte.
Die Lösung war die Etablierung einer Produktionsorganisation, die „an einem Höchstmaß an Einsparung interner Ressourcen orientiert ist; auf die systematische Verringerung jeder organisatorischen Redundanz, jeder ‚internen Disökonomie’“. So entstand ein „neue(s) ‚Produktionsmodell’, dessen Schicksal, wenn nicht die Ersetzung des Fordismus (ist), so doch zumindest die Verwaltung seiner Krise und die substantielle Veränderung seiner tragenden Säulen“ (Revelli 1999, 47).

Diese als lean production bekannt gewordene Entschlackung der Produktion wurde ermöglicht durch eine Vielzahl betriebsorganisatorischer Veränderungen. Just in time-Produktion etwa sollte gewährleisten, dass die Vorprodukte nicht auf Halde produziert wurden – um so Lagerhaltungskosten zu sparen. Um das zu erreichen, wurde das oftmals vielschichtige Überwachungs- und Kontrollsystem der fordistischen Fabrik radikal vereinfacht. Dies machte gleichzeitig eine Ausweitung der Kommunikation zwischen den produktiven Einheiten notwendig. Es kam zur massiven Einführung von Kommunikationstechnologien, um die Koordination von Produktion und Distribution gewährleisten zu können. Parallel dazu wurden auch die technischen Anforderungen an die Maschinerie neu definiert. Monofunktionale Maschinen mit der Fähigkeit, ein Produkt zwar sehr effektiv, aber dafür nur dieses eine Produkt herzustellen wurden zunehmend ersetzt durch Maschinensysteme, die prinzipiell in der Lage waren, auf Nachfrageänderungen einzugehen und so einen differenzierteren Markt zu bedienen (Revelli 1999, 47ff.).

Zu den Veränderungen im Produktionsprozess kamen Neujustierungen bei der Fertigungstiefe der einzelnen Betriebe hinzu. Viele Bestandteile der Produktion wurden outgesourct und firmieren nun als formell eigenständige Unternehmen – auch wenn die Abhängigkeit von einer AbnehmerIn nicht selten bei 100 % liegt. So entstand ein Netzwerk von Zulieferbetrieben um das eigentliche Kernunternehmen herum (Revelli 1999, 63f.).

Mit diesen im kapitalistischen Krisenprozess entstandenen Veränderungen der Betriebsorganisation wurden die unterschiedlich zu leistenden konkreten Tätigkeiten im Arbeitsprozess auf einschneidende Weise verändert. Der Industriesoziologie, die von ihrem Ansatz her eher auf die empirische Beschreibung der Produktion abhebt, stachen diese Transformationen ins Auge und wurden gar als Epochenbruch interpretiert. Sie spricht von einem Informations- oder Wissenskapitalismus, in dem sich alles um Kooperation und die stete Bereitschaft zum Umgang mit Informationen drehe. Das alles freilich ohne dabei die tatsächliche, strukturelle Krise der Wertverwertung zu reflektieren. Auch der Postoperaismus hat versucht, diese neue Qualität in der Produktionsstruktur zu erfassen. Im Mittelpunkt steht hier der Begriff der immateriellen Arbeit. Mit ihm sollen die beschriebenen Transformationen im Produktionsprozess erfasst und erklärt werden.

Hintergrund für die Theoriebildung der PostoperaistInnen3 ist die Annahme, es weiterhin mit einem funktionstüchtigen Kapitalismus zu tun zu haben. Da den VertreterInnen dieser Theorie der Kapitalismus im Wesentlichen als Auseinandersetzung der Klassen gilt und eine dem Willen und Wollen der Subjekte vorgängige Form außerhalb des Denkbaren liegt, können für PostoperaistInnen alle Veränderungen im Produktionsprozess nur auf eine neue Konstellation des Klassenantagonismus (und damit auf eine neue Konstellation von Wertschöpfung und Ausbeutung) verweisen.4

Ein von der inneren Selbstwidersprüchlichkeit des Kapitals hervorgebrachter Krisenprozess erscheint als Unmöglichkeit. Da sich die neue Produktionsstruktur ihrer Ansicht nach nur wenig bis gar nicht mit den Begriffen der marxschen Theorie beschreiben lässt, kommen sie zu dem Schluss, dass die Begriffe nicht mehr adäquat seien und wir daher nach neuen Kategorien zu suchen hätten. Dem soll im Folgenden widersprochen werden. Der Kapitalismus beruht noch immer auf den gesellschaftlichen Basisprinzipien von Arbeit und Geld, Ware und Kapital, nur dass diese einem fundamentalen Krisenprozess unterliegen. Der Kardinalfehler des (Post-)Operaismus besteht darin, die Veränderungen im Produktionsprozess nicht auf die strukturelle wie finale Krise zurückzuführen, sondern auf den Subjektivismus und die Neuformierung der wertschaffenden Arbeit. Um dem Rätsel von Krise und Postfordismus, immaterieller Arbeit und neuen Produktionsbedingungen näherzukommen, soll im Folgenden ein wenig weiter ausgeholt werden. Weiterlesen

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