What’s up, Capitalism?

In den letzten Wochen und Monate habe ich wieder verstärkt begonnen, aktuellen Gegenwartsanalysen über die aktuellen Lage im realexistierenden Kapitalismus zu lesen. Dabei habe ich einen Reihe sehr lesenswerter, aber auch einige sehr beängstigende Bücher gelesen. Je eines aus den jeweiligen Rubriken habe ich zudem mit einer Rezension bedacht:
„Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey scheint mir eine sehr kluge Analyse der gegenwärtigen Situation. „Reichtum ohne Gier“ von Sarah Wagenknecht hingegen lässt mich eher beängstigt auf die kommende Bundestagswahl blicken. Und „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ ist ein gut geschriebener Überblick über 200 Jahre Ökonomietheorie – wenn auch mit erwartbaren Problemen.

Zur Kritik am Gegenstandpunkt

Bereits vor einiger Zeit habe ich gemeinsam mit den Falken Marburg einen Workshop zur Kritik des Wald- und Wiesenmarxismus des Gegenstandpunkt durchgeführt. Bereits damals lag mein Fokus auf der Erklärung der Frage, warum sich mit den Fans des GSP nicht diskutieren lässt. Dazu muss mensch meiner Meinung nach auf die Grundlage der Theoriebildung zurückgehen und sich die erkenntnistheoretischen, gesellschaftstheoretischen und psychologischen Grundannahmen anschauen. Jenseits dessen, so meine Ausgangstheese, ist eine Kritik etwa der Staatstheorie des GSP nicht möglich. Sinnvoll diskutieren lassen sich allerdings auch diese Grundannahmen nicht, da sie sich auf eine Art und Weise gegenseitig stützen, die jedes Gegenargument abprallen lässt.

Alles das habe ich nun auch noch einmal aufgeschrieben und als Krisis-Beitrag 02/2016 veröffentlicht.

Rezension zu „Unsagbare Dinge“ von Laurie Penny

In einer Laudatio zu Christoph Spehrs „Gleicher als Andere“ bemerkte Frigga Haug, der Text sei eine Arbeit, „bei deren Lektüre sich schon nach wenigen Sätzen ein Gefühl gelöster Heiterkeit einstellte. Dies nicht, weil der Text voller Scherze steckte, sondern weil er für mich einen Raum eröffnete, in dem sich gut leben, denken, atmen ließ, und in den ich ohne Mühe immer wieder zurückkehrte.“ Allerdigs, so fuhr sie fort, habe sich auch bald „ein Gefühl von Trauer“ eingestellt. Der Eindruck lies sich nicht hinfortwischen, dass „ein so leichthin mit dem Florett gefochtener Umgang“ mit verschiedenen Geistesgrößen, theoretischen Strömungen und politischen Ansprüchen, „wie er beiläufig eingeflochten wird […] trotz der anfänglichen pädagogischen Erzählung durchaus auch etwas selbstbewusst Arrogantes hat und in dieser Weise nach meiner Erfahrung nur von einem Manne geschrieben sein konnte, während ich es auch als meine Aufgabe betrachte, besonders sorgfältig die Beiträge der Frauen zu begutachten, ihnen zur Anerkennung zu verhelfen. (Frigga Haug: Eine Laudatio für Christoph Spehr)

An diese Passage musste ich denken, als ich zum ersten Mal in „Unsagbare Dinge“ von Laurie Penny blätterte. Denn ich musste beim Lesen an dieses „Gefühl gelöster Heiterkeit denken“, von dem Haug sprach. Es war fast wie damals, als ich das Vergnügen hatte, „Gleicher als Andere“ zu lesen: „wie wenn man endlich auf dem Berg angekommen ist und freie Luft zum Atmen gewonnen hat, dies obwohl man in vielen Punkten eine andere Auffassung haben kann und wird“ (Frigga Haug). Nur das es hier eine Frau war, die diese Dinge tat.

Darum habe ich eine Rezension zu dem Buch geschrieben und die Streifzüge haben Sie abgedruckt. Hier kann sie nachgelesen werden.

Henne und Ei

In der Reihe „Krisis. Kritik der Warengesellschaft“ ist nun ein Aufsatz von mir zur Frage des Verhältnisses von Handlung und Struktur innerhalb des Kapitalismus erschienen. Interessierte können ihn hier herunterladen.

Hier die Zusammenfassung:

Die Auseinandersetzung um das Verhältnis von Handlung und Struktur prägt die sozialwissenschaftliche Theoriebildung seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert.
Dabei wird die Wertkritik zumeist der strukturtheoretischen Seite zugeschlagen. Häufig wird ihr vorgeworfen, sie reduziere die handelnden Subjekte auf bloße
Anhängsel der warengesellschaftlichen Totalität. Tatsächlich jedoch ist der kapitalistische Formzusammenhang keinesfalls bloß eine „soziale Struktur“, die
das Handeln determiniert, sondern eine bestimmte Form der Vergesellschaftung, die sich über ein historisch-spezifisches Verhältnis von Privatheit und Gesellschaftlichkeit konstituiert, in welchem der Widerspruch zwischen Struktur und Handlung angelegt ist.

Der vorliegende Beitrag stellt einen ersten Versuch dar, dieses widersprüchliche Verhältnis zu entschlüsseln. Ausgehend von der Marx‘schen Kritik der Politischen Ökonomie zeichnet er zunächst nach, dass die allgemeine Warenproduktion auf der logischen Voraussetzung einer Zersplitterung des gesellschaftlichen Zusammenhangs in vereinzelte Einzelne beruht. Die produzierten Güter werden nur deshalb zu Waren, weil sie, wie Marx zeigt, das Resultat voneinander unabhängiger Privatarbeiten sind. Weil sich somit der gesellschaftliche Zusammenhang in der widersprüchlichen Form der allgemeinen Verfolgung privater Interessen konstituiert, nehmen die gesellschaftlichen Beziehungen die Form eines Verhältnissen von Dingen an, die sich den Einzelnen gegenüber verselbstständigen.

Irrationalismus und Verschwörungswahn

Zur Verwandtschaft von Islamismus und antimuslimischem Ressentiment

Mit dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der blutigen Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris hat sich der islamistische Fundamentalismus ein weiteres Mal ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gebombt. Bereits zuvor hatte die Gewalt des vornehmlich im Irak und in Syrien aktiven IS mit seinen nicht unerheblichen territorialen Kriegsgewinnen für große Beunruhigung gesorgt, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der IS-Kämpfer in Europa und Nordamerika angeworben wurde. Dabei waren es gar nicht unbedingt migrantische Muslime, die sich haben anwerben lassen, sondern oft auch Konvertiten, die in einem christlichen oder gar konfessionslosen Kontext aufgewachsen sind.1
Zeitgleich jedoch halten die von rechtspopulistischen Kräften organisierte Demonstrationen und Kundgebungen gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ die Republik in Atem. Diese Massenaufläufe stehen im Kontext neurechter Strategien wie etwa der ,identitären Bewegung‛2 und bedienen sich nicht nur des WählerInnen-Potentials der AfD, sondern schaffen eine Mobilisierung der extremistischen Mitte, die beängstigende Dimensionen annimmt.
Obwohl die PEGIDA-DemonstrantInnen sich bemühen, als die radikale Alternative nicht nur zum Mainstream der kapitalistischen Moderne, sondern auch zum religionistischen Flügel des politischen Islam zu erscheinen, so lässt sich unschwer erkennen, dass sie diesem doch ähnlicher sind, als es ihnen lieb sein dürfte. Im Folgenden möchte ich die Identitätskonstruktion und die sozialpsychologische Befindlichkeitsstruktur dieser Aufläufe untersuchen und mit dem islamischen Fundamtalismus vergleichen. Weiterlesen