Streifzüge im Postfordismus

Anmerkungen zu immaterieller Arbeit und General Intellect

 [erschienen in: krisis . Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft 33/2010. Bislang nicht online verfügbar.]

Dieser Tage studiere ich wieder, was von und über Negri geschrieben wird. Es ist höchste Zeit, meine ich, sich mit dem Unfug zu befassen, den er und seine Anhänger erfolgreich betreiben. Ich meine vor allem ihr Lob der „Selbstverwertung“ und der „Selbstunternehmer“ und ihre verschwommene Werttheorie.
(André Gorz: Über den Horizont unserer Handlungen. Aus nachgelassenen Briefen)

0.

Der einen oder dem anderen wird es aufgefallen sein: seit dem Ende des Fordismus hat der Kapitalismus sich in erheblichem Maße verändert. Der Krisenprozess, in den er je nach Einschätzung Ende der 60er oder Anfang der 70er Jahre geriet, war derart umfassend, dass auf allen gesellschaftlichen Ebenen davon etwas zu bemerken war: Die Arbeitslosigkeit ist in einem in den 70er Jahren kaum vorstellbaren Maß gestiegen (Revelli 1999, 14ff.), gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum rapide zurückgegangen (Revelli 1999, 44).

Den Hintergrund dieser Krisenphänomene bildet der den Kapitalismus auszeichnende Widerspruch zwischen der betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit einer möglichst umfassenden Einsparung von Arbeitskraft und der Notwendigkeit einer stetigen Ausdehnung der gesamtgesellschaftlichen Vernutzung von Arbeitskräften. Dieser Widerspruch hatte in den 70er Jahren ein Niveau erreicht, das es nicht länger ermöglichte, die durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Arbeitskräfte durch eine Erweiterung der Produktpalette zu ersetzen. Im Gegensatz zu den bisherigen Revolutionen der kapitalistischen Industrialisierung (Dampfmaschine, Eletronik) konnte die sich im Anschluss an die Krise etablierende Mikroelektronik ebenso wie die Robotik keine zusätzlichen Arbeitskräfte mehr in den kapitalistischen Gesamtprozess integrieren. Warum? Weil durch sie mehr Arbeitskraft wegrationalisiert wurde, als in den neuen Produktsegmenten entstand.1

Neben diesen volkswirtschaftlichen Trends gab es einen umfangreichen Wandel der Produktionsbedingungen. Die standardisierte fordistische Massenproduktion wurde zugunsten einer flexibleren Variante immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Denn für die Unternehmen stellte sich der kapitalistische Krisenprozess vor allem als Nachfrageeinbruch dar. Während der Fordismus noch über einen scheinbar unendlich wachsenden Absatzmarkt verfügte, der eine stetig wachsende Menge an Gebrauchswerten zu absorbieren in der Lage war, war mit dieser vergleichsweise komfortablen Situation Mitte der 70er Schluss. Dies lässt sich am Namensgeber des Fordismus, Henry Ford, sehr gut plastisch machen. Als Ford 1908 sein mittlerweile berühmtes Modell T auf den Markt brachte, kam in den USA auf 509 Einwohner ein Auto. Durch die Entwicklung von Massenkaufkraft in den auf Massenproduktion ausgelegten neuentstandenen Fabriken und die sinkenden Preise dieser Massengüter durch Revolutionierung der Produktionsbedingungen entstand so ein riesiger, nahezu unberührter Markt von damals 80 Millionen KonsumentInnen, den es zu befriedigen galt. Entsprechend ging es bergan. Seit Ende der 40er Jahre wuchs die Weltwirtschaft um etwa 5 % jährlich. Mitte der 70er Jahre sank die Wachstumsrate dann stark ab und betrug im Durchschnitt nur noch 2,7 %. Auch die 80er können lediglich mit einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von 3,3 % dienen und die frühen 90er brachten nur knapp über ein Prozent Wachstum (Revelli 1999, 43f.).2

Es wurden Veränderungen im Produktionsablauf notwendig, wollte man „in einer Epoche langsamen Wachstums überleben“, wie es der Vater des „Toyotismus“, Taiichi Ohno, formulierte.
Die Lösung war die Etablierung einer Produktionsorganisation, die „an einem Höchstmaß an Einsparung interner Ressourcen orientiert ist; auf die systematische Verringerung jeder organisatorischen Redundanz, jeder ‚internen Disökonomie’“. So entstand ein „neue(s) ‚Produktionsmodell’, dessen Schicksal, wenn nicht die Ersetzung des Fordismus (ist), so doch zumindest die Verwaltung seiner Krise und die substantielle Veränderung seiner tragenden Säulen“ (Revelli 1999, 47).

Diese als lean production bekannt gewordene Entschlackung der Produktion wurde ermöglicht durch eine Vielzahl betriebsorganisatorischer Veränderungen. Just in time-Produktion etwa sollte gewährleisten, dass die Vorprodukte nicht auf Halde produziert wurden – um so Lagerhaltungskosten zu sparen. Um das zu erreichen, wurde das oftmals vielschichtige Überwachungs- und Kontrollsystem der fordistischen Fabrik radikal vereinfacht. Dies machte gleichzeitig eine Ausweitung der Kommunikation zwischen den produktiven Einheiten notwendig. Es kam zur massiven Einführung von Kommunikationstechnologien, um die Koordination von Produktion und Distribution gewährleisten zu können. Parallel dazu wurden auch die technischen Anforderungen an die Maschinerie neu definiert. Monofunktionale Maschinen mit der Fähigkeit, ein Produkt zwar sehr effektiv, aber dafür nur dieses eine Produkt herzustellen wurden zunehmend ersetzt durch Maschinensysteme, die prinzipiell in der Lage waren, auf Nachfrageänderungen einzugehen und so einen differenzierteren Markt zu bedienen (Revelli 1999, 47ff.).

Zu den Veränderungen im Produktionsprozess kamen Neujustierungen bei der Fertigungstiefe der einzelnen Betriebe hinzu. Viele Bestandteile der Produktion wurden outgesourct und firmieren nun als formell eigenständige Unternehmen – auch wenn die Abhängigkeit von einer AbnehmerIn nicht selten bei 100 % liegt. So entstand ein Netzwerk von Zulieferbetrieben um das eigentliche Kernunternehmen herum (Revelli 1999, 63f.).

Mit diesen im kapitalistischen Krisenprozess entstandenen Veränderungen der Betriebsorganisation wurden die unterschiedlich zu leistenden konkreten Tätigkeiten im Arbeitsprozess auf einschneidende Weise verändert. Der Industriesoziologie, die von ihrem Ansatz her eher auf die empirische Beschreibung der Produktion abhebt, stachen diese Transformationen ins Auge und wurden gar als Epochenbruch interpretiert. Sie spricht von einem Informations- oder Wissenskapitalismus, in dem sich alles um Kooperation und die stete Bereitschaft zum Umgang mit Informationen drehe. Das alles freilich ohne dabei die tatsächliche, strukturelle Krise der Wertverwertung zu reflektieren. Auch der Postoperaismus hat versucht, diese neue Qualität in der Produktionsstruktur zu erfassen. Im Mittelpunkt steht hier der Begriff der immateriellen Arbeit. Mit ihm sollen die beschriebenen Transformationen im Produktionsprozess erfasst und erklärt werden.

Hintergrund für die Theoriebildung der PostoperaistInnen3 ist die Annahme, es weiterhin mit einem funktionstüchtigen Kapitalismus zu tun zu haben. Da den VertreterInnen dieser Theorie der Kapitalismus im Wesentlichen als Auseinandersetzung der Klassen gilt und eine dem Willen und Wollen der Subjekte vorgängige Form außerhalb des Denkbaren liegt, können für PostoperaistInnen alle Veränderungen im Produktionsprozess nur auf eine neue Konstellation des Klassenantagonismus (und damit auf eine neue Konstellation von Wertschöpfung und Ausbeutung) verweisen.4

Ein von der inneren Selbstwidersprüchlichkeit des Kapitals hervorgebrachter Krisenprozess erscheint als Unmöglichkeit. Da sich die neue Produktionsstruktur ihrer Ansicht nach nur wenig bis gar nicht mit den Begriffen der marxschen Theorie beschreiben lässt, kommen sie zu dem Schluss, dass die Begriffe nicht mehr adäquat seien und wir daher nach neuen Kategorien zu suchen hätten. Dem soll im Folgenden widersprochen werden. Der Kapitalismus beruht noch immer auf den gesellschaftlichen Basisprinzipien von Arbeit und Geld, Ware und Kapital, nur dass diese einem fundamentalen Krisenprozess unterliegen. Der Kardinalfehler des (Post-)Operaismus besteht darin, die Veränderungen im Produktionsprozess nicht auf die strukturelle wie finale Krise zurückzuführen, sondern auf den Subjektivismus und die Neuformierung der wertschaffenden Arbeit. Um dem Rätsel von Krise und Postfordismus, immaterieller Arbeit und neuen Produktionsbedingungen näherzukommen, soll im Folgenden ein wenig weiter ausgeholt werden.

1.

Es ist eine Besonderheit der marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“, dass sie nicht versucht, Gesellschaft im Allgemeinen zu beschreiben, sondern lediglich eine bestimmte gesellschaftliche Formation. Diese Formation wurde von Marx umschrieben als Warenproduktion und Kapitalismus. Das Ziel der marxschen Analyse war es erklärtermaßen, „die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25, 838) darzustellen. Als Besonderheit aller „Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“ (MEW 23, 49), so hatte Marx bereits zum Beginn seiner Untersuchung festgehalten, „erscheint der bürgerliche Reichtum als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als sein elementarisches Dasein“ (MEW 13, 15).

Eine wesentliche Rolle bei der Untersuchung der kapitalistischen Reichtums- und Produktionsverhältnisse spielt dementsprechend die Herausarbeitung der Besonderheit der modernen, bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften. Diese spiegelt sich bei Marx wieder in der Trennung von Inhalt und Form. Er unterscheidet zwischen den konkret-stofflichen auf der einen und den abstrakt-gesellschaftlichen Momenten des Kapitalismus auf der anderen Seite.
Jede der Waren, welche die Elementarform des gesellschaftlichen Reichtums darstellen, „stellt sich dar unter dem doppelten Gesichtspunkt von Gebrauchswert und Tauschwert“ (MEW 13, 15). Später führt er entsprechend die Kategorien von konkreter und abstrakter Arbeit ein (MEW 23, 56ff.), spricht neben dem Arbeits- (MEW 23, 192ff.) auch vom Verwertungsprozess (MEW 23, 200ff.). Dieses Schema ist konstitutiv für die späte marxsche Kapitalismuskritik und zieht sich durch alle entsprechenden Werke, ganz gleich ob sie nun vor oder nach seinem Tode veröffentlicht wurden.5

Eine weitere Besonderheit neben der Spezifik der marxschen Kritik stellt die schlichte Tatsache dar, dass es sich eben um eine Kritik handelt. Entsprechend trägt das „Kapital“ den Untertitel „Kritik der politischen Ökonomie“ – ein Titel, den bereits eine 1860 erschienene Schrift trug. Es ging Marx mithin nicht darum, eine alternative Ökonomietheorie aufzustellen, er war vielmehr bemüht, sowohl die herrschende Gesellschaftsordnung mit ihrem ‚Primat der Ökonomie’ als auch alle bisherigen Theorien über diese Gesellschaftsordnung einer radikalen Kritik zu unterziehen.

So bemerkt er auch in den „Randglossen zu Adolph Wagners ‚Lehrbuch der politischen Ökonomie’“: „Nach Herrn Wagner ist die Werttheorie von Marx ‚der Eckstein seines sozialistischen Systems’ (p. 45). Da ich niemals ein ‚sozialistisches System’ aufgestellt habe, so (ist) dies eine Phantasie der (anderen)“ (MEW 19, 357). Die Aufstellung einer positiven und in welcher Form auch immer polit-praktisch nutz- und umsetzbaren Theorie war also nicht sein Ziel.

Diese grundsätzliche Negativität zeichnet sich vor allem dadurch aus, das die marxschen Kategorien prinzipiell als kritische konzipiert sind. Bereits in der Analyse von Ware, Arbeit und Wert beginnt Marx mit der Darstellung der destruktiven Momente kapitalistischer Vergesellschaftung. Entsprechend können diese Kategorien auch keinen positiven Bezugspunkt darstellen, von dem aus eine Kritik der später entwickelten Kategorien wie der des Mehrwertes möglich wäre.

Die marxsche Grundprämisse, dass es sich beim Kapitalismus um eine ebenso spezifische wie destruktive Gesellschaftsform handelt, wird in den postoperaistischen Theorien mittels des Begriffs der immateriellen Arbeit über Bord geworfen. Ausgehend von einem Bild von Gesellschaftlichkeit, bei dem Geschichte immer und ausschließlich als Geschichte von Klassenkämpfen erscheint, wird durch die konsequente Verwechslung der stofflich-konkreten und abstrakt-gesellschaftlichen Momente des Kapitalismus eine Ontologie von Ware und Wert behauptet, die weder vor dem Hintergrund der marxschen Analyse noch vor dem historischen Datenmaterial aufrechtzuerhalten ist. Es ist demgegenüber gerade die Besonderheit der kapitalistischen Gesellschaft, dass sie diese Trennung von Inhalt und Form aufweist und dass entsprechend die Produkte menschlicher Tätigkeit nicht als einfache Güter und die Tätigkeiten selber nicht als vielfältiges Handeln, sondern als (abstrakte) Arbeit zu gesellschaftlicher Bedeutung gelangen.

2

Die zwar nicht ausgereifteste, aber wohl populärste Verschriftlichung6 der Theorie immaterieller Arbeit findet sich in dem im Jahre 2000 von Michael Hardt und Antonio Negri veröffentlichten und 2002 in deutscher Übersetzung erschienenen „Empire. Die neue Weltordnung“. 2004 erschien das Nachfolgewerk „Multitude. Krieg und Demokratie im Empire“. Anhand der im letzteren Werk vorgenommenen Auseinandersetzung der Autoren mit der marxschen Einleitung zu den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ lässt sich die von ihnen vorgenommene Verwischung der oben angeführten Trennung formaler und inhaltlicher Aspekte der kapitalistischen Vergesellschaftung nachzeichnen.

In der Einleitung hatte Marx zunächst herausgearbeitet, dass es in der politischen Ökonomie und der Sozialphilosophie, also bei Smith und Ricardo ebenso wie bei Rousseau, eine gewisse Geschichtsblindheit gebe. Die gesellschaftlichen Formen, die erst in der bürgerlichen Gesellschaft Gültigkeit erlangten, würden hier in die Vergangenheit projiziert. Das gilt laut Marx für die Robinsonaden7 von Smith und Ricardo ebenso wie für Rousseaus „Contrat social“ (MEW 42, 19).8 Demgegenüber sei es aber unabdingbar, auf die historische Besonderheit ebendieser gesellschaftlichen Formen (Vertrag, Warenproduktion und der Mensch als vereinzeltes Individuum) zu verweisen. Wer Gesellschaft erklären wolle, der müsse die „Produktion gesellschaftlicher Individuen“ betrachten. Moderne Ökonomie verfahre genau andersherum und erkläre nicht die Besonderheit der spezifischen Produktionsform, sondern erhebe Allgemeinplätze wie etwa die Arbeitsteilung zum Untersuchungsgegenstand einer besonderen historischen Form. So sei etwa Produktion immer auch von ihrem Inhalt her als aufgehäufte Arbeit zu bestimmen, was dann von der Ökonomie mit dem Kapital als sozialer Form gleichgesetzt werde. Gerade dadurch, dass das Spezifische am Kapital in der Analyse weggelassen werde, könne es als „ewige(s) Naturverhältnis“ erscheinen (MEW 42, 20f.).

Das marxsche Vorgehen ist, wie bereits erwähnt, dadurch gekennzeichnet, dass es auf der Besonderheit der gesellschaftlichen Form insistiert – was immer auch ihr konkreter Inhalt sein mag. Hardt/Negri stellen diese Argumentation nun wieder von den Füßen auf den Kopf. Sie erblicken empirische Veränderungen im konkreten Arbeitsprozess und schließen daraus, dass Marx wohl überholt sei:

„Marx’ Methode zu folgen heißt dann, Marx’ Theorie in dem Maße aufzugeben, als die Gegenstände seiner Kritik, die kapitalistische Produktion und die kapitalistische Gesellschaft insgesamt, sich verändert haben. Einfach gesagt: Den Fußstapfen von Marx zu folgen heißt, über Marx hinauszugehen und auf der Grundlage seiner Methode einen neuen theoretischen Apparat zu entwickeln, der unserer heutigen Situation angemessen ist. Wir müssen eine neue ‚Einleitung’ schreiben, die Marx’ Methode auf den neuesten Stand bringt und den Veränderungen von 1857 bis heute Rechnung trägt.“ (Hardt/Negri 2004, 162)

Der Gegenstand, den Marx zu betrachten versuchte, war die kapitalistische Produktion. Begriffe wie abstrakte Arbeit und Wert zielen auf die spezifische Form dieser Produktionsweise. Diese Sichtweise werfen Hardt/Negri über Bord, indem sie – wie noch zu zeigen sein wird – den Wert als „ewige(s) Naturverhältnis“ betrachten. Sie argumentieren, Marx habe sich bewusst für die Untersuchung bestimmter konkreter Ausprägungen der englischen Industrie entschieden, obwohl diese im Weltmaßstab noch einen vergleichsweise kleinen Anteil ausmachten. Er habe jedoch erkannt, dass diese Elemente in Zukunft die bestimmenden sein würden. Dasselbe sei nun mit der immateriellen Arbeit der Fall. Diese sei zwar noch nicht quantitativ bestimmend, stelle aber eine neue historische Tendenz dar, die es zu theoretisieren gelte.

Dabei kommen sie nicht umhin, die Verausgabung von abstrakter Arbeit und ihre Umwandlung in Wertgrößen mit der klassischen Industriearbeit gleichzusetzen. Die Formbestimmung (abstrakte Arbeit) wird so zu einer lediglich inhaltlichen Bestimmung dessen, was in dieser historischen Phase eben als wertschaffend gelten konnte. In anderen Phasen könnte gemäß dieser Auffassung Wert auch aus anderen Quellen generiert werden. Damit wird aber der Wert enthistorisiert. Er gilt als etwas, das allen Produktionsformen gemeinsam sein soll. Dieses Gemeinsame, so die Annahme, konstituiere sich lediglich auf je unterschiedliche Art in unterschiedlichen sozialen Kontexten. Gleichzeitig kann sich diese unhistorische Vorgehensweise aber als überaus reflektiert darstellen und alle diejenigen als „orthodoxe Marxisten“ brandmarken, die weiterhin auf die trotz ihrer Krise totalisierende Funktion der abstrakten Arbeit verweisen (Hardt/Negri 2004, 162f.).

3.

Aber schauen wir uns zunächst einmal genauer an, was Hardt/Negri mit immaterieller Arbeit meinen. Ausgangspunkt der Analyse im „Empire“ ist der von den Autoren festgemachte „Wandel in der Qualität der Arbeit und im Charakter des Arbeitsprozesses“. (Hardt/Negri 2002, 300) Festgehalten wird eine stärkere Bedeutung informationeller und kommunikativer Momente innerhalb der Produktion. Diese Momente manifestieren sich zunächst in der Informatisierung der Industrieproduktion, die die neuen Kommunikationstechnologien in sich aufgesogen hat und uns deshalb in veränderter Gestalt entgegentritt. Der zweite Bereich, auf den Hardt/Negri anspielen, ist der der eigentlichen Produktion von Informationen, bei denen „analytische und symbolische Anforderungen“ im Mittelpunkt stehen. Und schließlich geht es ihnen um das, was gemeinhin unter dem Begriff der affektiven Arbeit firmiert: das Herstellen und Nutzen von Zwischenmenschlichkeit und Emotionalität (Hardt/Negri 2002, 305).9

Alle diese Tätigkeiten werden mit einer Reihe zunächst einmal sehr emphatisch klingender Umschreibungen belegt. Immaterielle Arbeit „beinhaltet unmittelbar soziale Interaktion und Kooperation“, sie ist „nicht von außen aufgezwungen oder organisiert“, das „kooperative Vermögen der Arbeitskraft“ ermöglicht „Selbstverwertung“. Es entstünden „sprachliche, kommunikative und affektive Netzwerke“ und „schöpferische Energien“ stellten schließlich das „Potenzial für eine Art des spontanen und elementaren Kommunismus“ bereit (Hardt/Negri 2002, 305).

Immaterielle Arbeit ist hier ganz eindeutig mit einem positiven, ja geradezu emphatischen Ton dargestellt. An dieser Stelle liegt der Schluss nahe, Hardt/Negri wollten die aktuellen Arbeits- und Lebensverhältnisse schönreden. Diese Schlussfolgerung steht jedoch im Gegensatz zu der gleichzeitig von den Autoren unterstellten Grundannahme, immaterielle Arbeit sei vom Kapital unterworfen und stünde insofern innerhalb eines Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses. Und tatsächlich bestimmen sich ja in der postoperaistischen Lesart sowohl Struktur als auch Dynamik dieses Herrschaftsverhältnisses aus der Subjektivität und den Kämpfen der Unterdrückten, die sich mit diesen Kämpfen gegen die Ansprüche der Herrschenden zur Wehr setzen. Das Positive, das Hardt/Negri der immateriellen Arbeit abgewinnen können, ergibt sich entsprechend aus den Möglichkeiten, die sich für soziale Kämpfe rund um das Feld der immateriellen Arbeit ergeben. Diese enge Verknüpfung von sozialen Kämpfen und gesellschaftlicher Dynamik übersieht freilich, dass die Transformationen der Arbeit weniger ein Resultat der Kämpfe als vielmehr Ergebnis der – zwar von den Menschen hervorgebrachten, sich diesen gegenüber aber verselbständigenden Kapitallogik sind.

Entsprechend dieser Sicht werden dann auch die Veränderungen im Produktionsprozess interpretiert. So gilt es den Autoren mit Hinweis auf das 11. Kapitel des ersten Bandes des Kapitals als wesentlich für die marxsche Analyse, dass der kapitalistische Produktionsprozess von einem Kapitalisten orchestriert werde (Hardt/Negri 2002, 435 FN 43). Tatsächlich aber lässt Marx in diesem Kapitel (MEW 23, 341ff.) immer wieder den Kapitalisten nur als Charaktermaske10 die Bühne betreten. Diese Form der Darstellung wählt Marx häufiger, etwa im Kapitel über den Verwertungsprozess, in dem er den Kapitalisten seitenlang über die Möglich- und Unmöglichkeit der Mehrwertproduktion sinnieren lässt (MEW 23, 205ff.).

Was Hardt/Negri nicht für erwähnenswert halten, ist der frühere Hinweis Marxens, dass der Kapitalist zwar einerseits „bewußter Träger“ der Kapitalbewegung sei, denn schließlich ist „seine Person, oder vielmehr seine Tasche, (…) der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes“. (MEW 23, 167) Hardt/Negri verschweigen dabei jedoch die Ergänzung, die Marx hinterherschiebt: es sei nämlich so, dass „der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – (…) sein subjektiver Zweck“ werde. Ebenfalls verschweigen sie der geneigten Leserin den Hinweis, der Kapitalist könne „nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen“ sei, tatsächlich auch als „personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital“ (MEW 23, 167f.) behandelt werden – und somit als Kapitalist gelten.

Die konkrete Fähigkeit, die Produktion zu orchestrieren, die Marx dem Kapitalisten an mehreren Stellen seines Werkes zuschreibt, ist also lediglich die konkrete Ausformung der abstrakten Kapitalfunktion, Produktion zum Zwecke der Mehrwerterzielung zu organisieren. Entsprechend betonte Marx schon im Kapitel über den Austauschprozess, „daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten“ (MEW 23, 100). Und auch im Vorwort zur ersten Auflage merkte er an, er zeichne zwar die „Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer (…) keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind.“ (MEW 23, 16)11

Die Tatsache, dass in einem bestimmten, konkreten Arbeitsprozess das aktive Wirken der KapitaleignerInnen in den Hintergrund tritt und durch kommunikative Prozesse innerhalb der Betriebsbelegschaft ersetzt wird, muss entsprechend innerhalb der weiterhin gültigen Formbestimmtheit kapitalistischer Vergesellschaftung analysiert werden. Denn nach wie vor bleiben die Handlungen aller Beteiligten an den Imperativ gebunden, Kapital verwerten zu müssen, wollen sie nicht ihre Nützlichkeit im Kapitalverwertungsprozess verlieren. Der Inhalt mag sich geändert haben, die Form aber bleibt. Der Prozess ist den Individuen, obwohl durch sie selber geschaffen, stets vorausgesetzt, bildet das a priori all ihrer Handlungen „und verwandelt sich in ein automatisches Subjekt“ (MEW 23, 169).

Diesen Zusammenhang können Hardt/Negri allerdings nicht denken. Für sie ist es nicht der Automatismus der Kapitalverwertung, der im Kapitalismus die Zwecke setzt, sondern vielmehr die unendliche Widerständigkeit der produktiven ArbeiterInnenschaft. Die kapitalistische Krise, so merken sie ausdrücklich an, sei „nicht eine simple Funktion der Kapitaldynamik selbst, sondern ihre Ursache ist unmittelbar der proletarische Kampf“ (Hardt/Negri 2002, 272). Dieser sei für die Wandlung des Fordismus in einen Postfordismus verantwortlich und hat uns damit auch die immaterielle Arbeit und deren Potenzen zur Befreiung beschert.

Das Proletariat wird dabei stets als etwas außerhalb des Kapitals Stehendes gedacht, seine „Macht (…) setzt dem Kapital Schranken; sie bestimmt nicht nur die Krise, sondern diktiert auch die Bedingungen und den Charakter der Transformation“ (Hardt/Negri 2002, 279). Diese Kämpfe der ArbeiterInnen haben aber nicht per se schon einen emanzipativen Inhalt in Form von sich neu herausbildenden Produktionsbedingungen, sondern sie stellen lediglich eine stete Herausforderung für das Kapital dar. Es muss sich ihnen „stellen und eine Antwort darauf finden“ (Hardt/Negri 2002, 280).

Auch hier liegt wieder eine Verkehrung der analytischen Ebenen vor. Denn sicherlich haben Hardt/Negri damit recht, dass die konkrete Umsetzung der neoliberalen Reformen seit Ende der 70er bzw. Anfang der 80er Jahre sich der Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen jener Zeit bediente. Bestimmte Forderungen nach Selbstbestimmung und Autonomie wurden aufgegriffen und in die Forderung nach Eigenverantwortlichkeit und Selbstsorge transformiert. Dass deshalb aber die Notwendigkeit dieser Reformen, mithin also die seinerzeit sichtbar gewordenen Krisenphänome ihre Ursache einzig in den Kämpfen dieser Menschen haben sollten, ist eine recht willkürliche Behauptung, die nicht einmal ansatzweise mit einer Begründung ausgestattet wird – sondern die vielmehr die Voraussetzung der gesamten Argumentation bildet.

4.

Kommen wir zurück zu der zum Beginn angedeuteten Krisendiagnose. Der die Krise bedingende Selbstwiderspruch des Kapitals wurde von Marx bereits in den Grundrissen angesprochen. Dort befindet sich relativ am Ende das Kapitel „Fixes Kapital und Produktivkräfte der Gesellschaft“, das sowohl für den Postoperaismus als auch für die wertkritische Lesart der marxschen Theorie einen wesentlichen Bezugspunkt darstellt.

In dieser – als Maschinenfragment gehandelten – Passage schildert Marx zunächst das, was er im „Kapital“ als die „reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ (MEW 23, 533) bezeichnet hat. Durch die stetige technische Verbesserung kommt der Maschinerie eine stets wachsende Bedeutung im kapitalistischen Produktionsprozess zu. Schließlich, und hier geht Marx über die Ausführungen im „Kapital“ hinaus, verdrängt die Maschinerie mehr und mehr die Arbeit aus dem Produktionsprozess. Er schreibt:

„Der Austausch von lebendiger Arbeit gegen vergegenständlichte (…) ist die letzte Entwicklung des Wertverhältnisses und der auf dem Wert beruhenden Produktion. Ihre Voraussetzung ist und bleibt – die Masse unmittelbarer Arbeitszeit, das Quantum angewandter Arbeit als der entscheidende Faktor der Produktion des Reichtums. In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und (…) deren powerful effectivness – selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion.“ (MEW 42, 600)

Marx ist an dieser Stelle – ebenso wie in einigen anderen Passagen im „Maschinenfragment“ – wünschenswert deutlich: Wenn durch die verstärkte Anwendung technischer Gerätschaften die Arbeit mehr und mehr aus dem Produktionsprozess verdrängt wird, dann steht die zur Produktion von Gebrauchsgegenständen notwendige Arbeitszeit „in keinem Verhältnis“ zu der Masse dieser Gebrauchswerte. Gleichzeitig aber hat die „Masse unmittelbarer Arbeitszeit“ weiterhin die Funktion, Wertmaß zu sein. Es entsteht ein Paradox: einerseits ist der Wert weiterhin das gesellschaftlich geltende Reichtumsmaß, andererseits ist er immer weniger in der Lage, gesellschaftlichen Reichtum abzubilden. Entsprechend spricht Marx dann auch vom Reichtum an Gebrauchsgegenständen, dem „stofflichen Inhalt des Reichtums“ (MEW 23, 50), als dem „wirklichen Reichtum“.

So interpretiert auch Moishe Postone diese Stelle als Beleg dafür, dass der Wert als eine an der Verausgabung abstrakter Arbeit orientierte Reichtumsform keine überhistorische, sondern vielmehr eine historisch spezifische Reichtumsform darstellt und darüber hinaus einen ganz grundlegenden Widerspruch enthält (Postone 2003, 55). Diesen Widerspruch hat Marx auch deutlich gefasst, wenn er im „Maschinenfragment“ schreibt, das Kapital sei „selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt“. Durch die Verdrängung der Arbeit aus dem Produktionsprozess muss die Arbeit nun aber aufhören „die große Quelle des Reichtums zu sein“ (MEW 42, 601), während sie doch gleichzeitig weiterhin „der entscheidende Faktor der Produktion des Reichtums“ (MEW 42, 600) bleibt.

Dieser Widerspruch entfesselt eine dem Kapitalismus eigene Dynamik, während Letzterer aber gleichzeitig an seine eigenen Bedingungen gebunden bleibt. Er strebt über sich hinaus, bleibt aber gleichzeitig von sich selbst gefangen. Es entsteht ein Potential, eine Möglichkeit, die über den Kapitalismus hinausweist. Daraus folgt aber keineswegs, dass die von Marx geschilderten Sachgesetzlichkeiten nicht mehr gelten würden. Die kapitalistische Produktionsweise „überwindet sich nicht selbst. Was auf der einen Ebene ‚überflüssig’ wird, bleibt auf einer anderen ‚notwendig’.“ (Postone 2003, 68)

Was Postone auf dieser allgemeinen Ebene durchaus zum zentralen Bestandteil seiner Theorie macht, hat jedoch keinerlei Auswirkungen für seine Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus. Selbst in Texten, die sich explizit mit diesem Thema befassen, verweist er lediglich auf die sich daraus ergebende kapitalistische Dynamik, die stets zu neuen Erscheinungsformen führe. Eine grundsätzliche Infragestellung der den Kapitalismus grundlegend strukturierenden Kategorien (Wert, Arbeit, Kapital) durch ihren Selbstwiderspruch kann er jedoch nicht ausmachen (Vgl. Postone 2008).

Demgegenüber muss jedoch festgehalten werden, dass eine historische Situation, in der das Reichtumsmaß der abstrakten Arbeit auf der einen Seite überflüssig wird, auf der anderen jedoch die kapitalistischen Grundkategorien weiterhin die gesellschaftlich allein gültigen sind, mehr hervorbringt als nur eine neue historische Konstellation innerhalb des Kapitalverhältnisses. Vielmehr haben wir es mit einer Dynamik zu tun, die den Kapitalismus an seine eigene innere Grenze getrieben hat.

5.

Die postoperaistische Interpretation des „Maschinenfragmentes“ unterscheidet sich fundamental von der soeben vorgestellten. Negri etwa erklärt in seiner Gorz-Kritik „Elend der Gegenwart – Reichtum des Möglichen“, das Wertgesetz sei nichts weiter als das „Gesetz über das Maß des Werts“ und es sei nun einmal möglich, „unwiderlegbar aufzuzeigen, daß das Gesetz, wonach die Arbeitszeit Maß des Werts wäre, überholt ist, so wie es die Grundrisse vorausgesehen haben“ (Negri 1998, 176).

Gorz hingegen, so merkt Negri grimmig an, schieße ein wenig über das Ziel hinaus, wenn er meine, es sei nicht nur das Maß des Werts überholt, sondern gleich der Wert selber. Das geht für Negri zu weit, sei geradezu eine „hyperradikale Setzung“, mit der er nichts anfangen kann, sieht er doch im Wert eine ontologische Konstante aller Gesellschaften. Da es nun aber nicht mehr die (abstrakte) Arbeit ist, die als Grundlage bzw. Substanz des Wertes fungieren kann, muss es etwas anderes sein. „Die Werte müssen anderswo gefunden werden“, schreibt Negri, „sie wurzeln in der Autonomie des Bewußtseins.“ (Negri 1998, 177)

Ganz ähnlich geht auch Paolo Virno in seiner „Grammatik der Multitude“ vor. Zwar unterstellt er Marx nicht einfach eine Ontologie des Wertes, kritisiert ihn aber dafür, die Wandlungsfähgkeit und Flexibilität des Kapitalismus unterschätzt zu haben. Die „ powerful effectivness“ gehe bei Marx immer von den Maschinen aus, so bemängelt er. Demgegenüber sei heute aber unübersehbar, dass sich die gesellschaftliche Produktivkraft, der „General Intellect“, nicht auf die Maschinen beschränke, „sondern sich über die sprachliche Kommunikation von Menschen, über ihr konkretes gemeinsames Handeln artikuliert“. Diese „begriffliche(n) Konstellationen“ und „logische(n) Schemata“ ließen sich allerdings nicht einfach „in fixes Kapital verwandeln, da sie von der Interaktion einer Vielheit von lebenden Subjekten untrennbar sind“ (Virno 2005, 151).

Virno verweist hier auf Veränderungen im konkreten Arbeitsprozess und leitet daraus eine zunehmende Inadäquatheit der marxschen Kritikkategorien ab. Hier wiederholt er die schon bekannte Verwechslung von konkret-stofflicher und abstrakt-gesellschaftlicher Dimension, wie sie ein konstituierendes Merkmal postoperaistischer Theoriebildung darstellt.12 Im Gegensatz zu Postone erkennt er allerdings, dass die neuen Inhalte so richtig sich nicht in die Form pressen lassen wollen. Während jedoch Postone nur eine Dynamik innerhalb des Produktionsverhältnisses wahrnehmen will, glaubt Virno, das Neue stünde bereits außerhalb dessen, was Marx als Kapitalismus bestimmt hat.

Auch Negri leitet seine Überlegungen stets über die Änderung des konkreten Arbeitsprozesses im Sinne eines Austauschprozesses zwischen Mensch und Natur her. Es geht ihm um die „Frage der Beziehung des Menschen zum Werkzeug“ (Negri 1998, 176). Der im „Empire“ geschilderte Wandel hin zu einer Informationsökonomie, in der „das Netzwerk als Organisationsmodell der Produktion das Montageband ersetzt“, bezieht sich ausschließlich auf empirisch beobachtete Veränderungen im Arbeitsprozess. Der „physische Einsatz von Arbeitern in der Fabrikhalle“ oder die „Entfernung etwa zwischen Kohlenmine und Stahlhütte“, die die Kommunikation stets auf „physische Nähe“ verweise und somit begrenze, stehe nicht länger im Mittelpunkt der Produktion. Das Wesentliche an den neuen Informationstechnologien sei, dass sie „Entfernungen immer weniger entscheidend“ machten. Entfernung spiele keine Rolle mehr und Kommunikation ermögliche so eine Umgestaltung des Produktionsprozesses, der nunmehr „keines territorialen oder physischen Zentrums“ bedürfe (Hardt/Negri 2002, 306f.; vgl. auch Revelli 1999, 53ff.).

Von diesen Veränderungen im Arbeitsprozess schließen nun sowohl Hardt/Negri als auch Virno auf das Maß des Wertes kurz. Virno etwa verweist auf die marxsche Unterscheidung von Arbeitszeit und Produktionszeit (MEW 24, 231ff.) und versucht deren relative Veränderung zueinander strukturell zu belegen: nicht nur werde bei den auf Wartung und Instandhaltung beschränkten Arbeitstätigkeiten in der postmodernen Fabrik die „Produktionszeit nur zeitweilig von der Arbeitszeit unterbrochen“, darüber hinaus würde auch „die Zeit der Nicht-Arbeit“, die sich nicht in den Kategorien der traditionellen ‚Kritik der politischen Ökonomie’ darstellen lasse, in den Produktionsprozess mit einfließen (Virno 2005, 148).
Unter Nicht-Arbeit fasst Virno all die Tätigkeiten, die zwar für das Funktionieren des kapitalistischen Produktionsprozesses notwendig sind, sich aber nicht direkt in ihm manifestieren. Darunter versteht er vor allem Erfahrungen und Wissensbestände, die außerhalb der Arbeitssphäre gewonnen wurden. Zudem fallen nicht zuletzt auch die Tätigkeiten darunter, die von Hardt/Negri als „affektive Arbeit“ bezeichnet wurden. Virno selber bleibt in Bezug auf diesen Punkt jedoch sehr vage (Virno 2005, 146). Er gesteht der Nicht-Arbeit einen Doppelcharakter zu: da die „affektive Arbeit“ selber auf den kapitalistischen Produktionsprozess bezogen und diesem untergeordnet sei, wäre es vermessen, ihre reale Unterordnung zu leugnen. Andererseits dürfe aber auch nicht der Fehler gemacht werden, die umfassenden Wissensformen moderner Gesellschaften als eindimensional aufzufassen und Teile damit als faktisch nicht existent zu behandeln (Virno 2005, 146f.).

Das Problem der für den kapitalistischen Produktionsprozess notwendigen Tätigkeiten, die sich aber nicht innerhalb der kapitalistischen Form organisieren lassen, ist nun beileibe kein neues. Während die Warenproduktion zwar danach strebt, sich als Totalität zu setzen, bleibt sie doch stets auf soziale Handlungen verwiesen, die sie selber nicht hervorbringen kann und die daher von der herrschenden Form abgespalten werden. Es bildet sich daher in der Moderne ein Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit heraus. Öffentlichkeit wird dabei mit Schlagwörtern wie Leistung, Rationalität, Wirtschaftlichkeit, Kultur und Aktivität assoziiert, während die private Sphäre Sinnlichkeit, Emotionalität, Affektivität und Passivität verkörpern soll. Die Öffentlichkeit wurde dabei historisch als „männlich“ angesehen, die Privatheit als „weiblich“.
Diese Aufteilung ist nun aber keineswegs willkürlich, sondern geht einher mit einer bestimmten Systemrationalität: die von der marxschen Kritik der politischen Ökonomie analysierte Wertverwertung mitsamt der an sie gebundenen Staatstätigkeit wirkt als ein Prozess, durch den das Leistungsprinzip und eine historisch neue Form von Rationalität und Wirtschaftlichkeit praktiziert werden. Das Kapital als „automatisches Subjekt“ ist stets aktiv und vorwärtstreibend. Die Strukturverwandtschaft zu den geschlechtsspezifischen Zuschreibungen von Öffentlichem liegt hier geradezu auf der Hand, so dass sich die Formulierung von Roswitha Scholz aufdrängt, der Wert sei der Mann (Scholz 1992; 1999a).13

Der Dualismus moderner Geschlechtlichkeit ist dabei einerseits bestimmt durch das Bestreben der Wertform, sich als Totalität zu setzen. Andererseits werden die damit einhergehenden Momente, die nicht in dieser Totalität aufgehen, abgespalten und abgewertet. Dabei spaltet dieser Prozess die Gesellschaft nicht hermetisch in zwei Teile, den wertförmigen und den unterworfenen. Es ist vielmehr offensichtlich, dass alle gesellschaftlichen Bereiche sowohl von der Form als auch von dem Abgespaltenen durchzogen sind. Das gilt etwa für die geschlechtsspezifische Berufswahl: während (Lohn-)Arbeit selbst als Teil der Öffentlichkeit firmiert, waren Frauen niemals vollständig aus diesem Bereich ausgeschlossen. Sie ergreifen jedoch traditionell verstärkt Berufskarrieren, die mit weiblich zugeschriebenen Eigenschaften korrespondieren, etwa im Pflege- und Erziehungsbereich. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu Männern überdurchschnittlich häufig in zuarbeitenden und assistierenden Funktionen tätig sind(Scholz 1998, 87).

Solange der kapitalistische Formzusammenhang seinem Begriff nach vor sich hin prozessiert, sorgt er zumindest vom Prinzip her für gesamtgesellschaftliche Kohärenz. Der Abspaltung bleibt nur die (zumeist ins Private verwiesene) Rolle als strukturelle Organisatorin dessen, was innerhalb der Wertform nicht organisierbar ist. Mit der Krise der Wertform ändert sich nun auch die konkrete Ausgestaltung des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses. Einerseits wird gemäß der kapitalistischen Logik versucht, den säkularen Trend des Wegbrechens von Verwertungsfeldern auszugleichen, indem möglichst weite Teile der bislang abgespaltenen Tätigkeiten perspektivisch innerhalb der Form organisiert werden sollen. Auf der anderen Seite müssen die abgespaltenen Tätigkeiten an immer mehr Ecken die Vergesellschaftungslücken schließen, die von der erodierenden Form hinterlassen werden. Das führt etwa zur Kommerzialisierung von Pflege und Gesundheitswesen, die sowohl für die Pflegekräfte als auch für die Pflegebedürftigen zumeist verheerende Folgen zeitigt.14 Es führt aber auch zu einer stärkeren Beachtung von Kommunikationskompetenz innerhalb klassischer Berufszweige, die aus dieser eine lediglich strategisch-berechnende Angelegenheit macht.15 Kurz: es führt dazu, dass die ohnehin vielfältigen und gebrochenen Grenzen zwischen den beiden Bereichen mehr und mehr verschwimmen, dass die Dominanz der Form gleichzeitig zuzunehmen und zu schwinden scheint. Diese Entwicklung geht einher mit vielfältigen Veränderungen im Geschlechterverhältnis und der heterosexistischen Begehrensordnung.

Zwar haben sich die durchschnittlichen Schulabschlüsse von Frauen im Laufe der Jahrzehnte stark verbessert, die Folge davon war jedoch eine Anhebung der Mindestvoraussetzungen für die zumeist von Frauen gewählten Berufskarrieren (Stiegler 1992, 14f.). Und auch die verstärkte Erwerbstätigkeit von Frauen befreit diese nicht aus ihrer gesellschaftlich minoritären Position:

„Es läßt sich nämlich nachweisen, daß immer dann, wenn ehemals privat und unbezahlt geleistete Arbeiten von Frauen verberuflicht werden, die gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufe sehr gering ist. Offenbar überträgt sich der gesellschaftliche Verdrängungsprozeß, dem die private Arbeit unterliegt, zunächst auch auf die ihr entsprechende Berufsarbeit. Je stärker solche Berufsarbeit nur Frauen zugewiesen wird, umso länger dauert dieser Abwertungsprozeß.“ (Stiegler 1992, 10f.)

Ganz ähnliche Prozesse lassen sich im Falle einer Verweiblichung von bisherigen „Männerberufen“ oder einer Vermännlichung bisheriger „Frauenberufe“ aufzeigen. „Historische Analysen der Berufe zeigen typische Mechanismen: immer dann, wenn ehemals den Frauen zugeordnete Berufe zu einer Männerprofession wurden, erhöhte sich der Status dieser Berufe, während der umgekehrte Prozeß, bei dem ein ehemaliger Männerberuf zu einem Frauenberuf wurde, immer zu einer Statusminderung des neuen Frauenberufes führte.“(Stiegler 1992, 11)

Auch der Heterosexismus moderner Gesellschaften erfährt einen Wandel. Zwar kommt es immer öfter vor, dass sich auch in Politik und Wirtschaft Einzelne als homosexuell outen16, dieses Outing wird dafür aber zur Voraussetzung, das eigene Handeln an sehr enge, stark von traditionellen heterosexuellen Zweierbeziehungen angelehnte Beziehungsformen anzugleichen, soll das labile Konstrukt der „Toleranz“ nicht überstrapaziert werden. Ole von Beust darf gerne schwul sein, solange er sich benimmt wie eine Hete. Würde er wilde Sexpartys feiern (wie sein einstiger heterosexueller Innensenator Ronald Schill) oder im Kleid vor seine WählerInnen treten, wäre es hingegen ganz schnell aus mit der Akzeptanz. In dieses Bild fügt sich die Metrosexualität als homophobe Transformation der Männlichkeit ebenso ein wie der Rückgang gleichgeschlechtlicher Liebeserfahrungen männlicher Jugendlicher.17

6.

Die Allgegenwart von Wissensformen, die nicht in beruflichem Ausbildungswissen aufgehen und die Handlungen hervorbringen, die sich nicht oder nur sehr begrenzt betriebswirtschaftlich quantifizieren lassen, begründet nun für Virno die Phase der „Massenintellektualität“. Damit spielt er allerdings nicht auf einen vermeintlich „phantasmatischen Bildungsstand der unselbständigen Arbeit“ an, sondern auf die Notwendigkeit dieser Arbeit, sich in den konkreten Arbeitsprozessen in kommunikative Verstrickungen zu begeben, „zu denken und zu sprechen“ (Virno 2005, 153f.). Diese Massenintellektualität setzt er mit einem veränderten Begriff des ‚General Intellect’ gleich, mit der er über Marx hinauszugehen meint. Sie wird zudem zum Argument dafür, dass der Wert nun nicht mehr durch die Arbeitszeit bestimmt ist. Da die Tätigkeiten der ArbeiterInnen durch die ihnen eigenen kommunikativen Fähigkeiten aufeinander bezogen würden (und nicht mehr durch einen orchestrierenden Kapitalisten), wäre eben diese Kommunikation nun die Grundlage des Wertes und damit des gesellschaftlichen Reichtums (Virno 2004).18

Da sich solche kommunikativen Fähigkeiten nun aber nicht einfach auf ein abstraktes Zeitmaß bringen lassen, stellt Negri fest, „that there is no possibility of anchoring a theory of measure on something extraneous to the universality of exchange“. Der Wert wird sozusagen unmessbar, und somit scheint es ihm sonnenklar, „that there is no longer any sense in a theory of measure with respect to the immeasurable quality of social accumulation“ (Negri 1996, 152).19

Nicht, dass es keinen Wert mehr geben könnte, sondern dass er nicht mehr messbar sei, wird hier behauptet.20 Ganz so, als sei das in früheren Zeiten möglich gewesen – was selbstverständlich nicht der Fall war. Gerade das Spezifische an der Wertform, dass sich der Wert und damit auch die Wertgröße „hinter dem Rücken“ (MEW 23, 59) aller Beteiligten durchsetzt, macht deutlich, dass die Annahme einer realen Messbarkeit des Werts absurd ist.

Der von Negri vertretene Gedanke, der Wert habe sich qualitativ von der verausgabten Arbeitszeit emanzipiert, findet sich wesentlich prägnanter auch in dem Grundlagenwerk „Der Stammplatz der Socken“ von Christian Marazzi, das 1998 erschienen ist und immer wieder als fundierter Nachweis für postoperaistische Überlegungen herhalten muss. Doch bereits die Namensgebung verweist hier auf das ganz grundsätzliche Problem, von dem auch dieses Buch trotz aller lesenswerten Passagen durchzogen ist. Mit der Metapher vom „Stammplatz der Socken“ versucht Marazzi das Phänomen zu fassen, dass Menschen konkrete Arbeitstätigkeiten unterschiedlich verrichten. Als Beispiel dient ihm dafür unter Verweis auf die Debatte um „Lohn für Hausarbeit“21 die Arbeitsteilung im Haushalt, bei der auch bei gleichmäßiger Aufteilung der Arbeit am Ende doch immer ein Mehr an Tätigkeit bei den Frauen hängen bleibe: „Unter unzähligen anderen möge als Beispiel jenes der Socken gelten: Der Mann ist der Ansicht, dass sie immer am gerade richtigen Ort sind, während sich dies für die Frau keineswegs so verhält: weshalb sie die Socken auch stets an den ihres Erachtens angestammten Platz versorgt.“ (Marazzi 1998, 63)

So kann er, so weit durchaus zu Recht, festhalten, dass es „bei gleicher Arbeitszeit und Technologie zu einer zwischen Mann und Frau unterschiedlichen Intensität der Hausarbeit kommt“. (Marazzi 1998, 62) Da nun aber diese unterschiedliche Intensität von Tätigkeiten „nicht auf eine rein quantitative Dimension reduzierbar“ ist, sondern vielmehr „von der geschlechtsabhängigen Rollenverteilung“ (Marazzi 1998, 66) determiniert sei, meint Marazzi nun jede Theorie von objektiver Wertbestimmung fallenlassen zu können. Die Vermengung von Produktion und Reproduktion ist dabei keiner Schludrigkeit in der Wahl des Beispiels geschuldet, sondern vielmehr theoretisches Programm: die Waschmaschine verkommt bei ihm zum „konstanten Kapital“ (Marazzi 1998, 63), auch Hausarbeit versucht er als „abstrakte Arbeit“ darzustellen (Marazzi 1998, 63), scheitert daran und folgert, dass damit nun wohl bewiesen sei, dass sich ein Wertmaß nicht wirklich angeben lasse (Marazzi 1998, 66ff.).
Entsprechend kann er dann seine im Bereich von Haus- und Reproduktionsarbeit gewonnenen Kenntnisse auch sogleich auf die kapitalistische Ökonomie übertragen und für die Informationswirtschaft festhalten, dass es sich hier ganz ähnlich verhalte. Bei der Bestimmung des ökonomischen Werts spielten die bilanzierten Vermögenswerte der Unternehmen eine zunehmend geringer werdende Rolle:

„Keiner erwirbt mehr eine Aktie von Apple Computer oder IBM oder irgend eines anderen Konzerns unter Erwägung der materiellen Produktionsmittel, die diese Firma besitzt. Was zählt, sind nicht das unbewegliche Vermögen oder die Maschinen des Unternehmens, sondern die Kontakte und die Möglichkeiten seiner Marketingstruktur, die Verkaufskraft sowie die Organisationsfähigkeit seines Managements und Innovationsvermögen seines Personals.
Hierbei handelt es sich um die sogenannten ‚immateriellen’ Produktionsmittel und Aktiva, richtiggehende Symbole, für die es noch kein statistisches oder buchhalterisches Messinstrument gibt.“ (Marazzi 1998, 76)

Nun dürfte diese Sichtweise spätestens mit den Ereignissen seit dem Spätsommer 2008 ihre eigenen Grenzen aufgezeigt bekommen haben. Denn schließlich waren es die vielbeschworenen „‚immateriellen’ Produktionsmittel und Aktiva“, diese „richtiggehende(n) Symbole“, die sich da binnen weniger Wochen in Luft aufgelöst haben. Trotzdem schafft es Marazzi hier, die für die letzten Jahre spezifischen Veränderungen im Produktionsprozess zu benennen: die Unternehmensgewinne erfolgen zum großen Teil nicht aufgrund der Verausgabung produktiver Arbeit, sondern aufgrund von allerlei finanztechnischen Finessen.

Das fiktive Kapital ist selbstverständlich für den Kapitalismus nichts Ungewöhnliches und wurde bereits von Marx im dritten Band des „Kapital“ beschrieben (MEW 25, 481ff.). Ungewöhnlich ist es jedoch, wenn diese „verrückten Formen“ (MEW 25, 483) selber nicht länger als abhängige Variable der Mehrwertproduktion fungieren, sondern das treibende Moment der Gewinnerwirtschaftung werden. Dann ist wahrlich etwas faul im Staate des Kapitals. Bezieht sich nämlich das fiktive Kapital nicht mehr auf real vorhandene Werte, dann haben wir es mit ungedecktem fiktivem Kapital zu tun. Es ist eben dieses ungedeckte fiktive Kapital, das für die wirtschaftliche Dynamik in den letzten 30 Jahren verantwortlich zeichnet. Marazzi jedoch sieht in dieser Fiktivisierung der Unternehmensgewinne eine für die Kapitalakkumalation völlig unproblematische neue Form der Reichtumsproduktion. Dies macht seine Analyse – wie wir noch sehen werden – durchaus kompatibel zu der gängigen ökonomischen Sichtweise.

7.

Dass diese Entwicklung von Marazzi, Negri & Co. nicht als Krisenphänomen, sondern lediglich als neue Qualität kapitalistischer Vergesellschaftung gefasst wird, liegt allerdings nicht nur an ihrer Annahme einer transhistorischen Wertform. Darüber hinaus spielt hier auch ihre immer wieder durchscheinende idealistisch-definitorische Annahme, dass der Wert sich vor allem durch die Denkleistung von WissenschaftlerInnen und BilanzexpertInnen konstituieren würde, eine nicht unwesentliche Rolle. Für Marazzi etwa ergibt sich die Unmöglichkeit eines Wertmaßes daraus, dass der Wert sich nicht in einem praktischen Akt messen lässt (Marazzi 1998, 65). Entsprechend verweist er dann auch auf einen „Trend“ bei Forschern, sich zum „besseren Verständnis der zentralen Bedeutung von Wissen (…) zu Feldforschungen motiviert“ zu fühlen. Diese sollen allem Anschein nach Aufschluss darüber geben, auf welche Weise die Beteiligten den Dingen Wert zumessen (Marazzi, 1998, 76).

Ganz ähnliche definitorisch anmutende Momente finden sich auch bei Negri, wenn er eine „definition of the measure of labor“ sucht, diese nicht findet und sich sodann aufmacht, doch wenigstens „exploitation“ zu definieren, was dann wiederum seiner Ansicht nach nur gelingen kann, wenn diese Definition „is posed opposite the process of subsumption in their totality“ (Negri 1996, 153), wenn sie also gegen die Prozesse der Subsumtion in ihrer Totalität gerichtet ist. Hier geht es gar nicht mehr darum, den totalitären, vereinnahmenden Charakter kapitalistischer Vergesellschaftung zu verstehen, zu kritisieren und durch einen bewussten Akt handelnder Menschen aus der Welt zu schaffen. Vielmehr gibt sich Negri bereits damit zufrieden, das Wesen des Kapitalismus als nicht-totalitär zu definieren. Demgegenüber wäre aber festzuhalten, dass der Wert sich nicht durch die Willkür der TheoretikerInnen definieren lässt. Er entsteht vielmehr „hinter dem Rücken“ aller Beteiligten. Welche Arbeit als produktive Arbeit in dem Sinne gelten kann, dass sie Wert produziert, zeigt sich im realen Prozess der Kapitalverwertung. Das ist übrigens auch die Crux des lobenswerten Bemühens von VertreterInnen eines „Lohnes für Hausarbeit“. Dass die im Haushalt anfallenden Tätigkeiten weniger anerkannt sind als stinknormale Lohnarbeit, ist nicht eine Frage von Definitonen, sondern hat die realgesellschaftliche Abspaltung alles dessen zum Hintergrund, was nicht in der Wertform aufgeht. Weil es sich bei ihnen nicht um Tätigkeiten handelt, die verrichtet werden, um einen Gebrauchswert für den Tausch herzustellen, werden sie nicht als Arbeit anerkannt.

Auch Virno geht von der Ansicht aus, was als Wert gelte und was nicht, sei Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. So rekapituliert er beispielsweise thesenartig die wesentlichen Annahmen des Maschinenfragments, wie sie sich für ihn darstellen. Er stößt schließlich auf den oben bereits zitierten Hinweis von Marx, dass die Arbeitszeit nicht mehr als Wertmaß tauge, das Kapital alle produzierten Dinge aber noch immer an ihnen messe. Er bemerkt dazu: „Wohlgemerkt: Marx spricht vom Kapital, aber wir könnten hinzufügen, dass die organisierte Arbeiterbewegung das Gleiche macht, wenn ihr die Zentralität der Lohnarbeit zur Existenzberechtigung wird.“ (Virno 2004, 149) Er unterstellt Marx also, dass für ihn die Arbeitszeit zum Wertmaß alleine dadurch werde, dass das Kapital (sprich: die KapitalistInnen) und die ArbeiterInnenbewegung ihre politische Auseinandersetzung rund um die Lohnarbeit zentrieren – und somit den Wert auf spezifische Weise definieren. Eine darüber hinausgehende objektivierende Tendenz kann er nicht ausmachen. Alleine die Rede über den Wert wird hier betrachtet und nicht die verselbständigte Logik des automatischen Subjekts.

8.

Vor dem Hintergrund der skizzierten Argumentation wird es notwendig, sich noch einmal die marxsche Herleitung der Bestimmung vor Augen zu führen, dass die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige abstrakte Arbeit22 die Basis des Wertes bilde. Im „Kapital“ hält sich Marx diesbezüglich vergleichsweise bedeckt. Er zieht zunächst aus der reinen Existenz von Tauschwerten den Schluss, dass es in den zu tauschenden Gegenständen wohl etwas Gleiches geben müsse, da sonst ja kein Tausch vorliegen würde. Im Fortgang der Argumentation arbeitet er dann mit einem Ausschlussverfahren: da die nützlichen Eigenschaften der Dinge sich ja gerade unterschieden, könnten sie nicht die Basis der Gleichheit getauschter Waren bilden. Da auch andere Bestimmungen nicht denkbar sind, bleibt nur die abstrakt menschliche Arbeit als reine Arbeitsverausgabung in der Zeit als Wertmaß übrig (MEW 23, 50ff.).

Dieses Verfahren erscheint oftmals als vergleichsweise unbefriedigend oder doch zumindest willkürlich. Warum es denn nicht vielleicht doch die individuellen Wertschätzungen sein können, die hier zum Zug kommen, wie es etwa die neoklassische Volkswirtschaftslehre behauptet, könnte ein Einwand lauten. Gerade vor dem Hintergrund einer sich immer weiter ausbreitenden Preisbildung, die mit geleisteter Arbeit auch nicht im Ansatz in Verbindung zu bringen ist, scheint es daher notwendig, noch einmal auf den Kern der marxschen Argumentation einzugehen und sie auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen. Marx selber hat zu dieser Frage nur wenig gesagt und wenn, dann zumeist im brüsken Ton wie etwa in einem Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868, wo er schlicht bemerkt: „Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständiger Unwissenheit.“ (Marx/Engels 1954, 184f.) Nun ist es aber keineswegs so, dass Marx diese Frage aus uneinsichtigen Gründen nicht hatte bearbeiten wollen. Vielmehr lag es für ihn ganz offensichtlich in der Grundkonstitution der bürgerlichen Gesellschaft, dass es nur die Arbeit sein könne, die die Substanz des Wertes bildet.

Die bürgerliche Gesellschaft ist für Marx zunächst dadurch charakterisiert, dass niemand für sich selber produziert, sondern jeder Produktionsakt darauf zielt, Dinge für andere herzustellen. Das, was die Menschen von den anderen für das Produkt bekommen, dient ihnen dann als Mittel, um die Produkte anderer zu erwerben. Somit bekommt die Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft eine doppelte Funktion: einerseits dient sie dazu, als konkrete Arbeit Produkte für andere zu erstellen, andererseits dient sie als Grundlage für den Erwerb von Waren. Es besteht somit keine direkte Beziehung mehr zwischen der Tätigkeit der Menschen und den Dingen, die sie konsumieren. Diese Beziehung wird erst durch die Arbeit hergestellt, die so die Funktion erhält, gesellschaftliche Vermittlung zu konstituieren (Postone 2003, 231f.).

Dieser Gedanke war für Marx ausschlaggebend, als er im oben zitierten Kugelmann-Brief argumentierte, dass „die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, (…) eben der Tauschwert dieser Produkte (ist)“ (Marx/Engels 1954, 185). Weil es also beim Tauschwert nur um die Verteilung „individueller Arbeitsprodukte“ gehe, kann es gar nichts anderes als die Arbeit sein, die den Wert konstituiert.
Ganz ähnlich argumentiert Marx auch in „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Hier schreibt er:

„Indem der Tauschwert der Waren in der Tat nichts ist als Beziehung der Arbeiten der einzelnen aufeinander als gleiche und allgemeine, nichts als gegenständlicher Ausdruck einer spezifisch gesellschaftlichen Form der Arbeit, ist es Tautologie, zu sagen, daß die Arbeit einzige Quelle des Tauschwerts sei und daher des Reichtums, soweit er aus Tauschwerten besteht.“ (MEW 13, 22)

Die im Tausch vollzogene Abstraktion muss die unterschiedlichen Qualitäten, die in den Arbeitsprozess eingegangen sind, auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Dieser Nenner ist tatsächlich die gesellschaftlich-durchschnittlich verausgabte Arbeit, gemessen in der Zeit ihrer Verausgabung. Ein anderer wäre, da ist Negri (1998, 152) recht zu geben, tatsächlich nicht denkbar. Nur funktioniert Warenproduktion nicht über das, was sich die Menschen über sie denken, wie Negri und andere es des häufigeren nahelegen (Vgl. beispielhaft Negri 1998, 153; Virno 2004, 149). Nicht weil wir die Dinge wert-schätzen, haben sie Wert, die gesellschaftlich-durchschnittlich notwendigen Arbeitseinheiten werden vielmehr „durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt und scheinen ihnen (den Menschen, JB) daher durch das Herkommen gegeben“ (MEW 23, 59).

Die Formulierung, die Dinge würden so scheinen, als seien sie durch das Herkommen gegeben, deutet bereits an, dass es in Wirklichkeit anders ist. Etwas scheint so zu sein, ist aber in Wirklichkeit anders.23 Marx ist an diesem Punkt sehr eindeutig. Im vom Postoperaismus stets nur mit Glacéhandschuhen angefassten „Fetischkapitel“24 im ersten Band des „Kapital“ schreibt er beispielsweise:

„Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es. Es steht daher dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Später suchen die Menschen den Sinn der Hieroglyphe zu entziffern, hinter das Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Produkts zu kommen, denn die Bestimmung der Gebrauchsgegenstände als Werte ist ihr gesellschaftliches Produkt so gut wie die Sprache.“ (MEW 23, 88)

Durch die kollektive Praxis der Menschen entsteht also die Abstraktion, die dann zur Substanz des Wertes wird. In diesem Sinne ließe sich mit Sohn-Rethel auch von einer Realabstraktion sprechen, die „nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. (…) Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch die Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten möchten.“ (Sohn-Rethel 1971, 41f.)

Nicht in den Gedanken der Menschen geht der Prozess vor sich, sondern in ihrem gesellschaftlichen Handeln. Obwohl die Gesellschaftlichkeit auch im Kapitalismus von den Menschen geschaffen wird, auch hier durch ihre ganz spezifische Form gesellschaftlicher Interaktion entsteht, verselbständigt sie sich gegenüber den Menschen. Deren Beziehungen erscheinen ihnen „als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ (MEW 23, 87). Infolge dieser Verselbständigung „scheinen (die Dinge) aus der Natur der Arbeitsprodukte zu entspringen“. Es soll nun nicht mehr die Gesellschaftlichkeit der Menschen sein, die eine Synthesis über den Wert organisiert. Wert gilt vielmehr als überhistorische Konstante, die den stofflichen Eigenschaften des Gegenstandes entspringt.

Der Postoperaismus gelangt mit seinen Überlegungen zur Neudefinition der Kategorie Wert zu demselben Ergebnis wie die klassische politische und die neoklassische Ökonomie und betreibt letztendlich eine Enthistorisierung und Naturalisierung der Wertform. Der Wert wird so zu einer Kategorie, die irgendwie immer da ist, an der es prinzipiell auch nichts zu kritisieren gibt und die die Menschen nur vernünftig anwenden müssten, in dem sie anders von ihr denken. Gleichzeitig gibt sich dieses Vorgehen aber als eines aus, das gerade historische Prozesse in den Blick nimmt. Da die Änderung der Grundlage des Wertes in den Blick genommen werde, würde nun endlich die Blindheit der marxschen Überlegungen zum Wertbegriff aufgebrochen.25
In der Gleichsetzung unterschiedlicher Qualitäten im Tausch besteht ein ganz wesentlicher Teil des totalitären Anspruchs der Moderne. Es ist ja nicht so, dass die Kritik der politischen Ökonomie auf Gleichmacherei beruht. Es ist vielmehr der Kapitalismus, der auf ihr aufbaut – und die Kritik, die das kritisiert. Die Gleichsetzung zu leugnen hieße somit zugleich, den totalitären Charakter zumindest zu relativieren, wenn nicht gleich ganz wegzuwischen. Und genau das tun Hardt/Negri letztlich, wenn sie in die Netzwerkbildung der postmodernen Multitude „spontanen Kommunismus“ hineinimaginieren.26

8

Und so ist es auch kein Zufall, wenn sich postoperaistische Texte immer wieder in Wortwahl und Argumentation mit den Ergüssen neoklassischer ÖkonomInnen zu decken scheinen. Tatsächlich lesen sich nicht wenige Texte aus diesem Umfeld so, als wäre hier Marx durch die Brille einer neoklassisch geschulten Umverteilungskritikerin gelesen worden.

Ein schönes Beispiel dafür ist Yann Moulier-Boutang, der 2001 seinen Text „Marx in Kalifornien: Der dritte Weg des Kapitalismus und die alte politische Ökonomie“ sogar im Supplement des Parlament („Aus Politik und Zeitgeschichte“) unterbringen konnte. Ausgehend von dem Anliegen, die Funktionalität der marxschen Theorie auch im Zeitalter des „kognitiven Kapitalismus“ nachzuweisen, stellt Moulier-Boutang zunächst fest, dass der Markt durch das „Netz“ als Prinzip gesellschaftlicher Vermittlung abgelöst wurde – um sich im Anschluss zu der Aussage zu versteigen, die Preisbildung habe sich völlig von der Arbeitszeit abgelöst, weshalb jede Arbeitswerttheorie hinfällig sei. Das hat mit Marx nichts, mit dem neoklassischen Angebot-Nachfrage-Paradigma hingegen alles zu tun. Das wird etwa daran deutlich, dass er auch begrifflich hemmungslos in den Gewässern der Neoklassik wildert (Vgl. Moulier-Boutang 2001).27
Auch in Marazzis Schrift „Fetisch Geld“ findet sich ein ähnlich gelagertes VWL-Begriffskauderwelsch. Kaufkraft, Sparquote, Konsumausgaben, Angebot und Nachfrage sind die Begriffe, über die hier die Argumentation gestrickt wird. Formulierungen wie Konzentration von Kapital, Wertschöpfung und Akkumulation bilden dann nur eine marxistische Fassade, mit der der Anschein der Kritik aufrechterhalten werden soll. Entsprechend bietet er als Lösung der von ihm beschriebenen Entsubstanzialisierung des Geldes niedrige Zinsen und eine Stärkung der Nachfrage an. Ganz so, als hätten sich die vielgescholtenen Bläschen nicht gerade deshalb aufblasen können, weil die Zinsen entsprechend gesenkt wurden (Vgl. Marazzi 1999).

Tatsächlich schien es lange Zeit so zu sein, als sei durch die vielfältigen Veränderungen an der Oberfläche der Produktions- und Zirkulationsprozesse die neoklassische Sicht auf die Welt plausibler geworden.28 Preisbildung hing nunmehr – noch mehr als schon zuvor – von individuellen Marktstrategien ab und schien mit der verausgabten Arbeit nun aber auch gar nichts mehr zu tun zu haben. Ein sehr prägnantes Beispiel dafür findet sich in Tim Harfords Klassiker „Ökonomics. Warum die Reichen reich sind und die Armen arm und Sie nie einen günstigen Gebrauchtwagen bekommen“. Harford arbeitet u.a. für die Financial Times, die Weltbank und die Universität Oxford und hat eine leicht verständliche Einführung in die Gedankenwelt der neoklassischen Ökonomie (für ihn die Ökonomie schlechthin) geschrieben. Er beschreibt dort im 2. Kapitel („Was Supermärkte trickreich zu verbergen suchen“) die Strategie des „Preis-Targeting“. Dabei geht es um die Lösung eines alten betriebswirtschaftlichen Problems: Wenn ein Unternehmen die Preise eher niedrig ansetzt, dann macht es viel Umsatz, aber wenig Gewinn pro Stück. Wenn es die Preise höher ansetzt, dann sinkt zwar der Umsatz, dafür steigt aber der Gewinn pro Stück. Am besten für das Unternehmen wäre es nun, wenn es dasselbe Produkt einmal billig und einmal teuer anbieten könnte – und so bei großem Umsatz trotzdem die zusätzliche Zahlungsbereitschaft derer mitnehmen kann, bei denen die Geldbörse etwas lockerer sitzt. Als Beispiele dafür dienen Harford etwa unterschiedliche Kaffeevarianten, die zwar in der Produktion nahezu die gleichen Kosten verursachen, sich aber preislich stark unterscheiden und so unterschiedliche KäuferInnen-Schichten ansprechen.

Das Phänomen selbst dürfte allgemein bekannt sein. Auffällig ist nun, dass diese Unternehmensstrategien zwar schon immer existiert haben, in den letzten 20 Jahren aber zunehmend an Bedeutung gewannen. Mittlerweile gibt es Autos nicht mehr in einer Ausfertigung, wie das noch beim guten alten Käfer der Fall war (die einzige Ausnahme bildete seinerzeit die Cabrio-Version), sondern in vielen verschiedenen. Es gibt Kompakt- und Stufenhecklimousinen, sportliche Coupés, Kombis, Cabriolets und nicht zu vergessen Kompaktvans und höhergelegte Spezialausstattungen mit Geländewagen-Accessoires. Die Produktionskosten unterscheiden sich für gewöhnlich kaum – preislich können die Änderungen aber durchaus ins Gewicht fallen. Da eine Ausdehnung des Marktes durch die Erschließung neuer KäuferInnen-Schichten nicht mehr möglich schien, wurde hier auf eine Differenzierung des Warenangebotes gesetzt.29 Diese Differenzierung kann dabei durchaus perfide Auswüchse annehmen, wie wir bei Harford nachlesen können:

„Die besten ‚Targeting’-Beispiele aus dem modernen Leben finden wir im Computerbereich. So stellte sich beispielsweise heraus, dass IBMs Laserdrucker ‚LaserWriter E’, der im Billigsegment angeboten wurde, baugleich war mit dem hochwertigen ‚LaserWriter’ – abgesehen davon, dass man dem Economy-Modell einen Chip spendiert hatte, der es langsamer machte. Für IBM war ‚Preis-Targeting’ offensichtlich nur dergestalt zu realisieren, dass man einen Drucker zu unterschiedlichen Preisen anbot. Doch damit die zahlungskräftigen Kunden den teureren Drucker akzeptierten, musste man den billigeren langsamer machen. Auf den ersten Blick riecht das nach Misswirtschaft, doch vermutlich war diese Lösung für IBM billiger, als zwei verschiedene Drucker entwerfen und bauen zu lassen. Der Chip-Hersteller Intel trieb mehr oder weniger dasselbe Spiel und verkaufte ein und denselben Chip mal teurer, mal billiger. In diesem Fall kam der schlechtere Chip sogar in der Herstellung teurer als der gute, denn man nahm einfach den besseren Chip und deaktivierte einige seiner Funktionen.
Auch Software-Pakete werden häufig in zwei Versionen ausgeliefert: eine mit voller Funktionalität (die Professional-Version) und eine für den Massenmarkt zu einem reduzierten Preis. Den wenigsten Menschen ist jedoch bekannt, wie diese Produkte entstehen: Die Vollversion wird zuerst programmiert, sodass später für den Massenmarkt nur der Funktionsumfang reduziert werden muss. Den Kunden kostet die Professional-Version mehr, die Billigversion den Hersteller. Und natürlich werden beide Versionen heute auf CD geliefert, was bedeutet, dass in beiden Fällen dieselben Materialkosten anfallen.“ (Harford 2009, 79f.)

Auf der konkret-stofflichen Ebene ist das eine reine Katastrophe: hier schuften Menschen, um ein Ding gleichzeitig qualitativ schlechter zu machen und die Zugriffsmöglichkeiten auf dieses Ding zu verringern. Auf der Ebene der betriebswirtschaftlichen Gewinnmaximierung ist dieser Prozess jedoch höchst rational: hier werden Verkäufe ermöglicht, die andernfalls nicht stattgefunden hätten. Für Harford gibt es freilich diesen Unterschied nicht. Was zusätzliche Geldgewinne schafft, muss auch stofflich rational sein, und so kann er nur ein Kapitel später schon davon schwafeln, dass Preise immer die Wahrheit sagen würden und „diese Welt der Wahrheit eine vollkommen effizient arbeitende Wirtschaft zur Folge hat“ (Harford 2009, 91). Was für ihn heißt, dass in einer Marktwirtschaft für Waren immer korrekte Preise erzielt werden, bei denen niemand geschädigt wird. Wer würde auch schon einen Vertrag abschließen, der zu seinem Nachteil wäre? Sehen Sie, ganz einfach. Dass diese Situation, in der alle gezwungen sind, sich rational aufeinander zu beziehen, erst in einem umfangreichen und oftmals blutigen Prozess historisch geschaffen werden musste30 und dass dieser Bezug auf konkret-stofflicher Ebene ein zutiefst irrationaler ist, dieser Befund geht dem Weltbank-Ökonomen ab. Zum Bestseller-Autor hat es trotzdem gereicht, immerhin – oder auch gerade deshalb.

Der grundsätzliche Befund, wie er etwa von Moulier-Boutang nahegelegt wird, wenn dieser schreibt, die Preisbildung habe sich von der Arbeitszeit emanzipiert, ist jedoch nicht völlig falsch. Und es bleibt ebenfalls als eine der Stärken postoperaistischer Theoriebildung festzuhalten, solche Veränderungen überhaupt in den Blick bekommen zu haben. Nur verweist diese Entkopplung nicht etwa darauf, dass die Arbeitswerttheorie überholt sei oder nie gegolten habe, sondern vielmehr auf die Krise des Werts als solchen. Denn um überhaupt noch Warenproduktion gewährleisten zu können, braucht es ein gewaltiges Aggregat an allgemeinen Voraussetzungen der Produktion auf gesellschaftlicher wie auf betrieblicher Ebene, gegenüber dem die unmittelbare Arbeit am Produkt immer unbedeutender wird.

Auf betriebswirtschaftlicher Ebene drückt sich dies etwa in der (auch quantitativ) zunehmenden Bedeutung von Forschung und Entwicklung aus. Die hierfür notwendigen Arbeiten bleiben zwar eine unhintergehbare Voraussetzung für die Herstellung der jeweiligen Waren, haben selber aber nicht den Charakter produktiver Arbeit. Damit steigen jedoch die betrieblich notwendigen Rahmenkosten im Vergleich zur produktiven Arbeit stetig an.31 Das systematische Ansteigen der unproduktiven im Vergleich zur produktiven Arbeit führt so zu einer neuen Situation bei der betrieblichen Preiskalkulation. Denn die auf diese Weise mittelbar anfallenden Arbeitskosten lassen sich strategisch vergleichsweise beliebig auf die einzelnen Produkte verteilen, da der hauptsächliche Aufwand für die Produktion einer Ware nicht mehr die unmittelbare Arbeit in der Produktion darstellt, sondern von dem riesigen vorgelagerten Aggregat in Form gesellschaftlicher Infrastruktur und gesellschaftlichen Wissens. Man kann deshalb einem Teil der Produkte einen großen Betrag dieser Vorauskosten zuschlagen (und sie als Luxusprodukte teuer vermarkten) und einem Teil einen eher kleineren Betrag (und sie dann bei Aldi verramschen).
In den postoperaistischen Theorien der immateriellen Arbeit wird diese Entwicklung nun zwar konstatiert, aber nicht kritisch als Krise der Wertvergesellschaftung dechiffriert, sondern vielmehr in eine Krise der Werttheorie umgedeutet. Was übrig bleibt, ist dann entsprechend auch keine kritische Entschlüsselung der ökonomischen Zusammenhänge im Postfordismus (und damit verbunden der von ihm hervorgebrachten Ideologeme), sondern lediglich deren platte Affirmation durch Wiederholung.

Und so wundert es uns dann auch nicht, dass die Vorstellung von der zunehmenden Bedeutung immaterieller Arbeit auch im UnternehmerInnen-Lager nicht unbekannt ist. So gibt es beispielsweise ein „Deutsches Institut für immaterielle Werte“. Auf dessen Homepage können wir lesen:

„Immaterielle Werte oder auch Intangible Assets machen, unternehmens- und branchenabhängig, bis zu 80 % des Unternehmenserfolg (sic!)aus – und werden dafür aber in nur 2 % aller deutschen Unternehmen transparent gemacht oder gemanaged.
Beenden Sie Ihren Blindflug – wir von DIIW helfen und beraten Sie gern (sic!) wie Sie Ihre immateriellen Werte zukünftig steuern und einsetzen können, um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu schaffen. (…)
Wissen und Informationen sind das Öl dieses Jahrhunderts und von erfolgskritischer Bedeutung für Ihr Unternehmen. Aber nutzen Sie Ihr Wissen richtig? Wissen Sie was Sie nicht wissen (sic!)? Haben Sie stets die richtige Information zur Hand?
Studien belegen: Gerade Unternehmen in Deutschland haben hier enormen Nachholbedarf um von reiner Datenhaltung zu wirksamer Informations- und Wissensversorgung zu gelangen (sic!).
Auch hier kann DIIW Ihnen helfen Information und Wissen in Ihrem Unternehmen zukünftig besser zu managen und erfolgreicher zu nutzen.“ (Deutsches Institut für immaterielle Werte)

Es ist der Wertkritik oftmals vorgeworfen worden, sie sei eine Theorie des Kapitals. Nicht von Ausbeutung sei bei ihr die Rede, sondern davon, warum die Welt im Grunde ganz okay so sei, wie sie ist. So falsch das sein mag, so richtig ist das Gegenteil: wer von immaterieller Arbeit schwafelt, der ist näher beim Klassenfeind, als er jemals die Wertkritk dort hätte hinschreiben können. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen.

Literatur:

Atzert, Thomas/Müller, Jost (2004): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire. Münster.
Deutsches Institut für immaterielle Werte. http://www.diiw.de (10.2.2010).
Bierwirth, Julian (2009): Ungleiche Gleichheit. In: Streifzüge 45/2009. Wien. http://www.krisis.org/2009/ungleiche-gleichheit (10.2.2010).
Butler, Judith (1992): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main.
Galow-Bergemann, Lothar (2004): Der Nächste bitte… Bemerkungen zur aktuellen Durchkapitalisierung des Lebens am Beispiel der Krankenhäuser. In: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder, Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg.): Dead Man Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Münster.
Gorz, André (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt am Main.
Gorz, André (2007): Über den Horizont unserer Handlungen. Aus den nachgelassenen Briefen des André Gorz. In: Streifzüge 41/2007. Wien http://www.streifzuege.org/texte_str/str_07-41_gorz_nachlass.html (10.2.2010).
Heinrich, Michael (2008): Wie das Marxsche Kapital lesen? Hinweise zur Lektüre und Kommentar zum Anfang von „Das Kapital“. Stuttgart.
Hardt, Michael/Negri, Antonio (2002): Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt am Main/New York
Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): Multitude: Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt am Main/New York.
Hardt, Michael (2004): Affektive Arbeit. In: Atzert, Thomas/Müller, Jost: Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire. Münster.
Harford, Tim (2009): Ökonomics. Warum die Reichen reich sind und die Armen arm und Sie nie einen günstigen Gebrauchtwagen bekommen. München.
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Trenkle, Norbert (2005): Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs. Über die stummen Voraussetzungen eines merkwürdigen Retro-Diskurses. In: krisis 29. Münster.
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Virno, Paolo (2004): Wenn die Nacht am tiefsten… Anmerkungen zum General Intellect. In: Atzert, Thomas/Müller, Jost (2004): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire. Münster.

Fußnoten:

1 Vgl. zur Vertiefung Lohoff/Trenkle 2012
2 Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Zahlen noch die darüber vermittelten Umsätze aus ungedecktem fiktivem Kapital enthalten, wie sie durch spekulative Investitionen entstanden sind. Insofern spiegeln die Zahlen weniger die tatsächliche Tiefe des Krisenprozesses als vielmehr die Tatsache, dass auch staatliche Stützungsversuche und private Veränderungen in den Investitions- und Produktionsstrategien nicht in der Lage waren, den Krisenprozess aufzufangen.
3 Die im Folgenden diskutierte Ersetzung der Kategorie der „abstrakten Arbeit“ durch die der „immateriellen Arbeit“ taucht nicht nur bei TheoretikerInnen auf, die sich selber als postoperaistisch bezeichnen. Auch für die dem klassischen Operaismus der Materialien für einen neuen Antiimperialismus (http://www.materialien.org/) entstammenden Autoren Detlef Hartmann und Gerald Geppert beziehen sich positiv auf diese Annahme (vgl. Hartmann/Geppert 2008, 11f.).
4 Zur Kritik an der Klassenfixierung des Postoperaismus vgl. Jappe 2002 und Kurz 2003, 255ff., sowie Trenkle 2005, 151ff.
5 Dabei ist es nicht so, dass die beiden Momente unvermittelt nebeneinanderstünden. In der Wertformanalyse verweist Marx vielmehr auf ihre vielfältigen Vermittlungen. Um diese Vermittlungen darstellen zu können, ist es jedoch zunächst notwendig, die beiden Dimensionen als solche zur Kenntnis zu nehmen.
6 Hardt/Negri beziehen sich auf eine breite postoperaistische Debatte und übernehmen sowohl ihre Begrifflichkeiten als auch weite Teile ihrer Analysen von anderen AutorInnen, so dass Empire eher den Charakter von Kommentar und Zusammenfassung hat und von einem „von Antonio Negri und Michael Hardt kreierte(n) Begriff der ‚immateriellen Arbeit’“ (Kurz 2005) nicht wirklich die Rede sein kann.
7 Robinsonaden sind an den 1719 erschienenen Roman Robinson Crusoe von Daniel Defoe angelehnte soziale Situationen, in denen ein einzelner Mensch alleine auf einer Insel werkelt. Dieses Motiv tritt sowohl in der Literatur („Die geheimnisvolle Insel“ von Jules Verne ist hier ebenso einschlägig wie die Abwandlung in William Goldings „Herr der Fliegen“) als auch im „wissenschaftlichen“ Kontext (Smith, Ricardo, Gesell) auf. Marx amüsiert sich über diese Versuche und leitet den entsprechenden Abschnitt im Fetischkapitel des Kapitals mit den Worten ein: „weil die Wissenschaft Robinsonaden liebt“ – und lässt seinen Robinson nicht nur Arbeitsprodukte tauschen, sondern auch „Lama zähmen“ (MEW 23, 90f.).
8 Smith selber kann hier als vergleichsweise reflektierter Vertreter gelten, da er selber zwar mit Jägern und Fischern startet, später aber darauf verweist, dass es für dies Verständnis erst einer historischen Institution bedürfe, die es seinerzeit noch gar nicht gegeben habe – nämlich die des Staates.
9 Eva Illouz (2003) hat zu Recht darauf verwiesen, dass Emotionalität auch im Kontext betriebswirtschaftlicher Rationalität durchaus nichts Neues ist. Bereits in den 1920er Jahren wurden durchaus auch die „irrationalen“ und emotionalen Aspekte der Arbeit in den Blick genommen. Bereits damals sollte so die Produktivität erhöht und die Disziplin der Belegschaft verbessert werden. Während die Aushöhlung einer strengen Trennung von (männlicher) Erwerbssphäre und (weiblicher) Emotionalität also bereits eine längere Geschichte hat, behauptet die Rede von ‚affektiver Arbeit’, dass hier eine quantitative Bedeutungszunahme in eine qualitative Veränderung umgeschlagen ist bzw. dazu tendiert, in eben diese qualitative Veränderung umzuschlagen. Während affektive Momente zunächst selektiv in streng durchrationalisierte Produktionsabläufe eingeflochten wurden, wird nun die Rationalität der Produktionsabläufe an den affektiven Momenten entlang organisiert. Dieser Bruch ließe sich vergleichen mit dem Übergang von der formalen zur reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Eine ausführliche Untersuchung dieses Zusammenhangs würde jedoch den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.
10 Zum marxschen Begriff der Charaktermaske vgl. ausführlich Lohoff 2008, 140ff.
11 Vgl. hierzu auch den sehr aufschlussreichen Abschnitt in Schandl 2007, 150ff.
12 Vgl. zur Kritik dieser Verwechslung auch die entsprechenden Passagen bei Moishe Postone: „Es dürfte nunmehr klar sein, daß ein Großteil der Diskussionen über die Anwendbarkeit der Marxschen Kategorien auf die Analyse gegenwärtiger Entwicklungen die Bedeutung des Unterschiedes zwischen Wert und stofflichem Reichtum verkannte. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Frage der Beziehung zwischen Technologie und Wert. Weil die Kategorie Wert häufig mit der des gesellschaftlichen Reichtums im allgemeinen gleichgesetzt wurde, herrschten zwei Meinungen vor: entweder wurde argumentiert, die Arbeit sei grundsätzlich die einzige gesellschaftliche Quelle des Reichtums – womit der stoffliche Reichtum dem Wert subsumiert wird, oder es wurde der Wert nicht als Funktion allein der Arbeit verstanden, sondern so, als könne er unmittelbar durch die Anwendung von Wissenschaft und Technologie erzeugt werden – womit der Wert dem stofflichen Reichtum subsumiert wird. (…) Wird die Marxsche Kategorie des Werts als transhistorisch gültige Kategorie für Reichtum oder, umgekehrt, ihr zunehmend anachronistischer Charakter als Indiz für ihre theoretische Unzulänglichkeit interpretiert, dann wird Wert mit stofflichem Reichtum in eins gesetzt. Diese Interpretationen verkürzen die Marxsche Kategorie um ihre historische Besonderheit und können daher seine Konzeption des widersprüchlichen Charakters der fundamentalen gesellschaftlichen Formen nicht erfassen. Sie tendieren dazu, die Produktionsweise für einen im wesentlichen technischen Prozeß zu halten, der durch gesellschaftliche Mächte und Institutionen beeinflußt wird, und neigen dazu, die historische Entfaltung der Produktion als lineare technologische Entwicklung zu begreifen, die durch äußere gesellschaftliche Faktoren wie das Privateigentum begrenzt werden könnte, statt als einen innerlich verschränkten technisch-sozialen Prozeß, der widersprüchlich verläuft. Kurzum, solche Interpretationen mißverstehen grundlegend das Wesen der Marxschen kritischen Analyse.“ (Postone 2003, 304)
13 Männlichkeit und Weiblichkeit in diesem Sinne sollten jedoch nicht mit biologischen Bestimmungen verwechselt werden etwa in dem Sinne, dass der Wert als Abstraktum schlechthin nun einen Penis angehängt bekäme. Im Gegensatz zu dieser Auffassung ist für den realen Prozess geschlechtsspezifischer Zuschreibungen weniger die physische Anschauung als vielmehr die gesellschaftliche Bedeutung relevant, die im Rahmen alltäglichen Handelns in die Körper eingeschrieben wird (Vgl. Butler 1992). Männlichkeit und Weiblichkeit können dementsprechend als rein gesellschaftliche Phänomene gelten, so dass genaugenommen auch die Formulierung von Scholz nicht ganz den Kern trifft und eigentlich „Der Wert ist die Männlichkeit“ lauten müsste.
14 Am Beispiel der Privatisierung von Krankenhäusern findet sich dieser Zusammenhang sehr anschaulich dargestellt bei Galow-Bergemann 2004.
15 Am Beispiel aktueller Studien- und Schulbedingungen dargestellt findet sich dieser Zusammenhang bei Bierwirth 2009.
16 Unlängst ging gar die Nachricht eines Massenoutings bei Daimler durch die Medien: http://www.welt.de/wirtschaft/article4641734/Schwule-starten-Massen-Outing-bei-Daimler.html (10.2.2010).
17 Zur Vertiefung sei die lesenswerte Passage bei Klauda 2008, 116ff. empfohlen.
18 Damit ist in den Augen der ProtagonistInnen allerdings keineswegs gesagt, dass diese Bestimmungen völlig neuartig wären. Michael Hardt etwa verweist darauf, dass sie bereits früher gegeben waren, heute aber in einem viel höheren Grad als Produktivkraft wirken würden, so dass dies auch in die kritische Theoriebildung eingehen müsse.
19 Ohne die realen Veränderungen im Produktionsprozess der letzten 30 Jahre in den Blick zu bekommen, behauptet auch Uli Krug (2009) eine Ersetzung des Wertgesetzes. Nur sollen bei ihm nicht veränderte Produktionsbedingungen dafür verantwortlich zeichnen, sondern die Einführung der Sozialgesetzgebung im späten 19. Jahrhundert. Diese habe zur Folge, dass die „Weise, wie Löhne, besser: Tarife zustande kommen, (seit) der zunehmend fixe Charakter des Kapitals das Wertgesetz (wohlgemerkt: nicht seinen Wertcharakter) durch den Primat der Politik ersetzte“, sich gänzlich verändert habe. Es seien eben nicht mehr die über das Wertgesetz aufeinander bezogenen Arbeitszeiten, die Ursache für die Preisbildung seien. Stattdessen imaginiert sich Krug eine verschwörungstheoretische Verbrüderung zwischen staatlichen Strukturen und „halbstaatlichen Rackets wie Gewerkschaften und Unternehmerverbände(n)“. Diese hätten sich die schicke „Brutto-(nicht: Netto!)Hochlohn-Maschinerie“ unter den Nagel gerissen und somit über eine Art „Cliquenversorgung“ die segensreichen Wirkungen des freien Marktes zugunsten partikularer Bereicherungspolitik entsorgt.
20 Diese Annahme einer „Ontologie des Werts“ wird auch in dem folgenden Zitat von Negri deutlich, in dem er fragt, ob es, „statt den Wert der Arbeit fallenzulassen, [nicht] viel nützlicher wäre zu versuchen, den Charakter des Werts der Arbeit des ‚general intellect’ zu bestimmen? Und damit konsequenterweise ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Wert ‚außerhalb’ und ‚jenseits’ ihres (zeitlichen) Maßes heißen kann? Ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche Dimensionen und Intensitäten Wert und Arbeit unter den Bedingungen der Massenintellektualität auszeichnen?“ (Negri 1998, 176; runde Klammern im Original)
21 Marazzi lehnt den Lohn für Hausarbeit ab, da er aufgrund der nachfolgend geschilderten Argumentation gar nicht sinnvoll bestimmbar sei.
22 Die Verwendung des Begriffes „abstrakte Arbeit“ innerhalb der Debatte um „immaterielle Arbeit“ zeugt von einer grundsätzlichen Fehleinschätzung: Abstrakte Arbeit wird hier als empirischer Prozess gelesen, als eine zunehmende Homogenisierung der einzelnen Tätigkeiten etwa durch den verstärkten Einsatz von Computern: „Die Computerisierung der Produktion verschiebt Arbeit in Richtung abstrakte Arbeit.“ (Hardt/Negri 2002, 304) Derart gelagerte Überlegungen finden sich sogar noch bei Gorz (Gorz, 2000, 57).
23 Zur einführenden Begriffsrekonstruktion von scheinen und erscheinen vgl. Heinrich 2008, 51.
24 Im Gegensatz zur marxschen Argumentation im Fetischkapitel versteht Negri unter Fetisch ein reines Gedankenphänomen, eine Art Einbildung, die nichts mit der Realität zu tun habe: „Das Kapital wird zu einem leeren Zwangsapparat, einem Phantasma, einem Fetisch“ (Negri, Antonio/Hardt, Michael: Die Arbeit des Dionysos. Materialistische Staatskritik in der Postmoderne; zitiert nach: Gorz 2000, 59).
25 Vgl. dazu auch Punkt 2 in diesem Aufsatz.
26 Da macht es dann auch keinen besonders großen Sinn, von einer Art Realabstraktion zu sprechen, die nicht vereinheitlichend wirken würde, da sie nicht auf einem Äquivalenzprinzip beruhen, sondern vielmehr auf der Vielfalt der Subjektivitäten aufbauen würde, wie das Paolo Virno tut (Virno 2004, 152f.). Abstraktionen sind immer Vereinheitlichungen, seien es nun Real- oder Denkabstraktionen. Denkbar wäre eine Aufhebung allenfalls in der Form, wie sie Adorno praktiziert hat: als vorsichtiges Umkreisen des Begriffes, um dem „Nichtidentischen“ stets Anerkennung zu zollen. Das allerdings wäre dann keine Realabstraktion mehr, sondern eben eine gedankliche Abstraktion zum Zwecke analytischer Beschreibung.
27 Dazu passt, dass Moulier-Boutang nicht von Kritik der politischen Ökonomie, sondern schlicht von politischer Ökonomie spricht. Die Redaktion von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wagt dann in einer Anmerkung gar die These, die politische Ökonomie sei „– im Sinne von Karl Marx – die Kritik der klassischen bürgerlichen Ökonomie von Adam Smith, David Ricardo u.a.“ Dabei waren Letztere doch bereits Vertreter einer politischen Ökonomie, die Marx einer radikalen Kritik unterzogen hat.
28 Genau genommen verhält es sich genau andersherum: da die Neoklassik nur in recht beschränkten Modellen zu denken in der Lage ist, versuchen die von ihr beeinflussten PolitikerInnen für gewöhnlich, der Einfachheit halber die Realität an diese Modelle anzupassen. Die vielfältigen Versuche von Kommodifizierung, die wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachten mussten, dürften subjektiv genau diesem Imperativ folgen – auch wenn es objektiv um verzweifelte Versuche zur Rettung der Wertverwertung gegangen sein mag.
29 Dieses Phänomen trägt in der Volkswirtschaftslehre die Bezeichnung des „intra-industriellen Handels“. Während die VWL traditionellerweise mit David Ricardo davon ausgegangen war, dass Handel gerade aufgrund unterschiedlicher Produktivitäts- und Preisstandards zu Stande komme, gilt diese Theorie mittlerweile als überholt. Nicht aber, weil sie von ihrer Konzeption her verkehrt wäre (vgl. dazu Ortlieb 2004, 174ff.), sondern weil eine neue Empirie eine neue Theorie erfordere. Da auch Volkswirtschaften mit nahezu gleicher „Faktorausstattung“ in eng definierbaren Produktpaletten miteinander Handel treiben, steht die VWL vor einem Problem. Allerdings ist sie nicht einmal in der Lage, das Phänomen gemäß ihrem eigenen Anspruch statistisch sauber zu untersuchen – die Parameter dafür sind zu differenziert und vielfältig –, geschweige denn zu erklären.
30 Dies passiert, indem die Menschen von ihren unmittelbaren Reproduktionsmöglichkeiten getrennt werden und dadurch aus vorhandenen Möglichkeiten (ver-)käufliche Waren werden; vgl. Lohoff 1998.
31 Dasselbe gilt auch für steigende gesamtgesellschaftliche Rahmenkosten, die dann über Steuern, Abgaben oder den Verkauf privatisierter Dienstleistungen zwar in die Kalkulation der Unternehmen einfließen, darüber hinaus aber keine werttheoretische Bedeutung haben.

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